, das fast Unmögliche, um ihn sich und den Seinen, die Sie noch weniger kannten als ihn, am rand des Unterganges zu retten! Die Welt wird diese Tat eben so wenig zu würdigen wissen, als wir, Ihre Freunde, sie verstehen, obgleich wir sie bewundern, wärs auch nur der Seltenheit wegen. Gestehen Sie es mir im Vertrauen, lieber Hippolit, was bewog Sie zu diesem ungeheuern, unglaublichen Opfer?"
"Sie fragen im Ernst?" erwiderte gelassen Hippolit. "Konnte ich denn anders? Sie selbst schwebten ja immer zwischen ihm und mir, da musste er ja wohl sicher sein. Wie hätte ich nach dem Leben des Gemahls einer Frau zielen können, die Gabrielen so wert ist, deren Leiden und Freuden sie wie die eignen empfindet! Wäre er gefallen, hätte ich ja S i e betrübt."
Eine schöne Perl stieg bei dieser unerwarteten Erklärung in Gabrielens helles Auge. Sie wollte sprechen, aber der Atem versagte ihrer bewegten Brust. Lächelnd durch Tränen, wie ein seliger Engel, trat sie endlich ganz nah vor Hippoliten hin, strich mit sanfter Hand ihm die dunklen Locken zurück und hauchte einen leisen, kaum fühlbaren Kuss ihm auf die Stirne. Ihre Lippen bewegten sich, im Begriff ihm etwas recht freundliches zu sagen, aber sie bebte erschrocken zurück da sie ihn ansah. Sein eben noch so bleiches Gesicht flammte in dunkler Purpurröte, seine Augen blitzten wie verzehrendes Feuer, er machte eine Bewegung, als wolle er sie umfassen, sie an seine ungestüm wogende Brust drücken, und riss sich im nehmlichen Moment mit sichtbarer Gewalt von ihr los und floh bis in die fernste Ecke der Laube. Dort warf er sich auf die Knie nieder; sich selbst unbewusst, hatte er den verwundeten Arm aus der ihn stützenden Binde gezogen, und hob nun in flehender Stellung beide hände zu ihr auf.
"Nein, nein," rief er wie ausser sich, "diess Uebermaass von Wonne und Schmerz erträgt keine menschliche Brust!" Und nun ergoss sich sein übervolles Herz im glühendsten Ausbruch einer leidenschaft, die in diesem Moment der seligsten Pein, in wütenden verzehrenden Flammen hell aufloderte und sich nicht mehr bändigen lassen wollte.
Zitternd vor Schrecken blickte ihn Gabriele eine Weile an, ehe sie Fassung genug gewann, ihm zu antworten. "Stehen Sie auf, Graf Hippolit," sprach sie endlich sehr ernst, "vergessen Sie den kranken Arm nicht; wahrlich ich sehe immer mehr, wie Unrecht Sie taten, schon heute das Haus zu verlassen. Kehren Sie heim, armer Kranker!" setzte sie nach einer kleinen Pause etwas milder hinzu, "ich will es nicht verbergen, Sie haben mich erschreckt, doch das ist schon vorüber; die Ruhe wird Ihnen wohltun, es soll sogleich eine Sänfte geholt werden."
"Gabriele, Gabriele! wenn Sie jetzt mich fortschikken, werde ich Sie nie wieder sehen dürfen, ich ahne es," rief Hippolit; "ich verdiene Ihren Zorn; lange, lange habe ich geschwiegen, weil ich ihn fürchtete. Glauben Sie mir, ich habe mich bekämpft, ich wollte ewig schweigen, kein Hauch, kein Wink sollte das geheimnis meines Lebens verraten, damit Sie nur ferner mich um sich dulden möchten, damit ich nur ferner Ihre süsse stimme hören, im Strahl Ihrer lieben Augen den Himmel erblicken könne, ich erlaubte mir ja keinen grösseren Wunsch. Ich wollte ja nichts hoffen, nichts erflehen; das wilde Toben hier sollte sich Ihnen nie zeigen. Ein einziger unbewachter Augenblick hat mich verraten, und nun darf ich nie wieder vor Ihnen erscheinen, ich weiss es wohl, ich bin verbannt!"
Gabriele sprach in milden Worten zu ihm; er hörte sie wohl, doch er verstand sie nicht, er konnte nur den Gedanken fassen, sie beleidigt, ihren Zorn erregt zu haben.
"Wie werde ich künftig leben können!" rief er. "Entfernung von Gabrielen ist Tod, ist Hölle, das fühlte ich jeden Abend in meiner Einsamkeit wenn ich Ihre Schwelle verlassen hatte. Und nun gehe ich ganz hoffnungslos, kein Morgen kommt, wo ich mir sagen kann, ich werde Sie wieder sehen. O Gabriele! O gnädige Frau! muss es denn sein? ich will ja ewig schweigen, ich will ja nichts, als was Sie dem Würmchen dort auf dem Grashalm, der Mücke hier in der Luft auch gewähren, nur sehen, nur dulden sollen. Sie mich, und wenn gleich nicht freundlich wie sonst, nur ohne Zorn.
Endlich gewann Gabriele einen Augenblick, sich verständlich zu machen. "Graf Hippolit," sprach sie sehr ruhig gefasst, "Sie verkennen sich und mich, und Ihr eigenes Gefühl. Dass Sie dieses bald selbst einsehen werden, weiss ich gewiss. Für jetzt bitte ich Sie ernstlich, beruhigen Sie sich, ich zürne nicht, ich vergesse von heute an die wilden Ausbrüche, zu welchen gereizte Fantasie den Kranken verleitete; ich wünsche dass auch Sie dieses tun mögen; nur s o allein kann unser ruhiges freundliches Verstehen ungetrübt bleiben. Kehren Sie jetzt heim, und lassen Sie Ihre völlige Widerherstellung einstweilen Ihre erste grösste sorge sein. Leben Sie wohl."
"Sagen Sie nur, dass ich Sie wieder sehen werde," flehte Hippolit in demütiger Entfernung.
"Darf ich denn mit meinem jungen Freunde so streng ins Gericht gehen? kann ich es denn vergessen, dass Sie für das Glück meiner Auguste Ihr Leben wagten