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ihnen lebte ja noch der Adelbert, den ihr Herz, trotz alles Gegenstrebens ihres Verstandes, dennoch verloren geben musste.

Adelberts Briefe, voll des Ausdrucks der tiefsten Reue, betrübten ihr Gemüt statt es zu trösten. Die glühende Leidenschaftlichkeit, mit der er Augusten zu einem engelgleichen Wesen erhob, von dem er in tiefer Selbstzerknirschung nur Mitleid erflehte, während er sich ihrer Liebe und ihrer achtung auf ewig für unwert erklärte, konnte ihre Aussicht in die Zukunft nicht erheitern. Nur des Generals Ansicht ihrer und Adelberts Lage, die er in seinen Briefen ihr offen mitteilte, gewährten ihr einigen Trost. Sein Ermuntern zum Rechten, vorstellen dessen, was ihr oblag zu dulden und zu vollbringen, stälten ihren Mut. Ihr blick erheiterte sich, wenn sie las, wie kräftig er Adelberts, durch frühen Schmerz entnervtes Gemüt aufzurichten strebe, wie er durch Tätigkeit ihn zu zerstreuen und aus seiner jetzigen trostlosen Versunkenheit wieder empor zu richten suche, und wie er alles anwende, um ihm nur wieder zum Vertrauen in sich selbst zu verhelfen.

"Der Zustand unsrer hiesigen, durch unsre jahrelange Abwesenheit sehr verwahrloseten Besitzungen gewähren ein weites, fast unabsehbares Feld zur Arbeit," schrieb ihr der General, "und somit lasse ich unsern Adelbert vor lauter Tätigkeit kaum zu Atem kommen. Morgens, mit Sonnenaufgang, ziehen wir hinaus in Feld und Wald, Abends giebts zu richten und zu schlichten, nachzurechnen, Papiere zu ordnen, bis in die sinkende Nacht. Da müssen die Grillen ihm verschwinden, denn ihm bleibt keine Zeit weder sie zu fangen noch zu pflegen. Mutig, liebe Auguste! lass Du mich nur gewähren, sobald es Zeit ist, bringe ich ihn gesund und geheilt, von innen und aussen, zu Deinen Füssen hin, und Du gute weiche Seele wirst ihn dann wieder an Deinen Busen nehmen, das weiss ich, und fürchte nicht Deine Strenge, sondern nur Deine Milde, die mir ihn wieder verderben könnte."

Augusten nach Lichtenfels zu begleiten, wäre Gabrielens sehnlichster Wunsch gewesen, als endlich der Tag der Trennung herbeikam; doch Herrn von Aarheims fortdauernde Kränklichkeit erforderte ihre stete Gegenwart. Seit jener auf der Sternwarte törigt durchwachten Nacht plagten ihn Rheumatism und alle Uebel, welche diesen Unhold in tausendfacher Gestalt zu begleiten pflegen. Gabrielens mitleidige Geduld vermochte es kaum, alle die mannigfaltigen Wunderlichkeiten und Launen zu ertragen, mit denen der grämlichste und unleidlichste aller Kranken, zu jeder Stunde des Tages, zuweilen auch der Nacht, sie quälte. Die Besuche, welche anfangs über manche lange Schmerzensstunde ihr hinüberhalfen, blieben nach und nach aus, denn sein böser Humor verscheuchte alle, die nicht, wie Gabriele, durch Pflichtgefühl gebunden, bei ihm ausharren mussten. Hippolit, der einzige, der die Langeweile von der Moritz sich hauptsächlich geplagt fühlte, hätte verscheuchen können, befand sich selbst noch leidend. Mehrere Wochen waren seit dem Vorgange zwischen ihm und Adelberten vergangen, und noch immer durfte er das Zimmer nicht verlassen. Gabriele hatte noch in keiner Lage ihres Lebens sich so ganz auf sich selbst zurückgewiesen gefühlt, selbst nicht am Rhein, wo frische lebendige Tätigkeit ihre tiefe Einsamkeit erheiterte. Sogar die Tante hatte sie verlassen; um der Markise auszuweichen, war sie am Tage nach der KonzertScene nach einem nicht weit entfernten Badeorte gereist, obgleich noch vor der eigentlichen glänzenden Kurzeit. Ein kaltes höfliches Billet hatte einstweilen Herminien deren Anteil an der gemeinschaftlichen wohnung aufgekündigt, denn diese war nur im Namen der Gräfin Rosenberg dem Eigner abgemietet worden.

Die Markise aber eilte sich eben nicht, von dieser Aufkündigung Notitz zu nehmen, sondern verweilte noch mehrere Wochen als einzige Bewohnerin des Hauses, in anscheinend vollkommner Ruhe. Sie zeigte während dieser Zeit sich weit öftrer als sonst im Teater und bei andern öffentlichen Vergnügungen, auch suchte sie auf andre Weise, durch vielfältig ausgesendete Einladungen zu glänzenden Festen, die öffentliche Meinung irre zu leiten, oder auch zu braviren, doch gelang ihr dieses nur bei sehr wenigen Mitgliedern der Gesellschaft. Obendrein gehörten diese wenigen nicht zu denen, deren Beispiel auf die übrigen Einfluss haben konnte. Nie hatte es so viel Migränen und Katarrhe in der Residenz gegeben, als an den Abenden, wo die Markise einen recht glänzenden Kreis um sich her zu versammeln gedachte. So musste Sie es bald müde werden, in ihren hell erleuchteten, aber spärlich bevölkerten Sälen ihre kleinen Koketterien zu üben, und Unmut und Ueberdruss bewogen sie endlich, Paris, den einzigen Schauplatz wieder aufzusuchen, auf dem ihre glänzende Erscheinung gehörig gewürdigt werden konnte. Kein sehnender blick folgte ihr dortin, wo sie wie ein strahlendes Meteor wieder in den Strudel versank, dem sie, weder sich noch Andern zum Heil, auf kurze Zeit entstiegen war. Müde und erschöpft von einer zum grössten teil am Schmerzenslager ihres Gemahls durchwachten Nacht, sass Gabriele nach kurzem unerfreulichen Schlummer in der Jelängerjelieber-Laube des kleinen Gartens am haus, dem einzigen Orte, wo es ihr jetzt vergönnt war, des im höchsten Schmucke prangenden Frühlings sich zu erfreuen. Alles um sie her funkelte und blitzte im Sonnenstrahl von Diamanten, die ein warmer Frühregen verschwenderisch gestreut hatte; ihre Rosen flammten in höchster Blütenpracht, fast sichtbar stieg der Opferduft von den Lilien und tausend andern Blumen, die in üppiger Fülle ihre Beete schmückten, zum Himmel auf, und mischte sich in den noch berauschendern Wohlgeruch der hohen Orangenbäume, die auf dem Rasenplatz vor der Laube lichte Schatten streuten. Endlich einmal entronnen der ängstlich beklommenen Atmosphäre des dunkeln Zimmers, in der sie jetzt den