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, aber in unsern Tagen ist vieles Bedürfniss geworden, was noch vor dreissig Jahren Luxus war. Auch sprach ich jetzt gar nicht vom äusseren Luxus, denn jedes Kind weiss, dass wir ohne ihn wieder zum eichelnessenden Naturzustande unsrer Vorfahren herabsänken. Ich spreche vom innerlichen, geistigen, den sollen und müssen die Reichen freilich treiben. Was würde sonst aus Autoren, Verlegern und aus Künstlern, wenn niemand ein Buch oder ein Kunstwerk kaufte, als wer Freude und Genuss davon hat? Sehen Sie nur ihre Tante an, die treibt den rechten geistigen Luxus, und ich kann sie darum nicht genug loben und ehren, denn sie hat Geld und Zeit im Ueberfluss. Für sich bedarf sie weder Bücher noch Kunstwerke, weder Gelehrte noch Künstler zum Umgange, im Gegenteil sie sind ihr alle recht lästig, dennoch kauft sie die erstern, bereitet den zweiten ein angenehmes Dasein, und ahnet nicht einmal, wie viel Gutes sie damit stiftet. Aber eine Frau des arbeitenden Mittelstandes darf ihr das nicht nachtun. Wenn eine solche Bildchen malt, Guitarre spielt und Lektüre treibt, so verschwendet sie wenigstens die Zeit, welche ihrem Haushalt gehört, und oft köstlicher als Gold ist; obendrein bereitet sie sich eine traurige Existenz, weil sie gegen ihren, ihr bestimmten Kreis anstrebt, von welchem sie sich doch nicht losreissen kann. Darum, liebe Gabriele, bitte ich Sie nochmals, versuchen Sie es nicht, aus einer niedlichen Wiesenblume eine Prachtpflanze zu ziehen, die in dem rauhen Klima zu grund gehen müsste, in welchem sie in ihrem natürlichen Zustande recht ergötzlich blüht! Lehren Sie Annetten weder französisch noch italienisch, und sagen Sie ihr kein Wort mehr von Alexander dem Grossen."

Gabriele versprach endlich, ihrem erfahrnen Freunde zu folgen, obgleich mit innerm Widerstreben, denn er hatte nur ihren Verstand aber nicht ihr Gemüt besiegt; obendrein erschwerten ihr sowohl Annettens Eitelkeit, als ihre wirkliche Lust am Lernen diesen Entschluss, aber sie blieb ihm treu, nicht nur weil sie es versprochen hatte, sondern auch weil sie einsah, dass es wirklich so besser sei. Ottokar blieb noch immer Gabrielens Hausgenosse. Als den Sohn eines entferntlebenden, aber mit ihrem Gemahl innigst verbunden gewesenen Freundes, hatte die Gräfin Rosenberg ihn dringend eingeladen, in ihrem sehr geräumigen haus bei ihr zu wohnen, so lange er in der Stadt verweilen musste, in welcher er seine nahe Anstellung zu einem Gesandtschaftsposten erwartete. Aus den wenigen zu seinem dortigen Aufentalt bestimmt gewesenen Wochen wurden Monate, ohne dass weder er noch seine gastlichen Freundinnen es zu bemerken schienen. Ottokar befand sich zu wohl in ihrer Nähe, um über dieses Zögern der Entscheidung seines Schicksals in Ungeduld zu geraten. Die Gräfin sowohl als Aurelia hatten ebenfalls ihre eignen triftigen Gründe, ihn gerne bei sich zu sehen, und so lebten alle drei in grosser Zufriedenheit neben einander hin, ohne die Tage zu zählen.

In der ersten Zeit sah Gabriele Ottokarn weit seltner, als sie es im Stillen gehofft und gefürchtet hatte, denn der geselligen Abende im haus ihrer Tante gab es jetzt sehr wenige.

In grossen Städten tritt zwar nie eine gänzliche Ebbe der Vergnügungen ein, aber oft eine alles mit sich fortreissende Flut, während welcher Feste an Feste sich reihen, und die Zahl der Tage für alle kaum hinreichen will. Solch eine Flut fiel gerade in die Zeit, wo Gabriele noch nicht öffentlich erschien. Bälle, grosse Soupers, auffallende teatralische Neuigkeiten zogen die Gräfin und ihre Tochter an jedem Abende aus dem haus, ohne ihnen Zeit für ihre eignen Zirkel zu lassen, und auch Ottokar ward von dem Strome mit fortgerissen. Gabrielen entging dadurch jede gelegenheit, ihn anders als an der Mittagstafel zu sehen, und auch an dieser vermisste sie ihn oft. Sowohl seine persönliche Liebenswürdigkeit, als seine äussern Verhältnisse zogen ihm vielfältige Einladungen in andern Häusern zu, und die Gräfin hielt ihn nie davon zurück, solche anzunehmen. Sie blieb auch in Hinsicht seiner ihrem Systeme treu: keinen ihrer Gäste in seiner Freiheit zu beschränken, denn Erfahrung hatte sie gelehrt, dass diess der sicherste Weg sei, sie immer fester an sich zu binden.

Mit gewaltigem Herzklopfen hörte Gabriele jedesmal die Stunde schlagen, welche sie in den Speisesaal rief; ihre sonst ziemlich überwundne ängstliche Blödigkeit kehrte dann mit verdoppelter Gewalt zurück, und nur heimlich wagte es ihr blick, unter den Anwesenden nach Ottokar zu suchen. Stumm und traurig nahm sie ihren Platz ein, wenn er abwesend war; die Unterhaltung rauschte unbeachtet an ihr vorüber, und nur Aureliens lustiger Uebermut versuchte es zuweilen, sie hinein zu verflechten. Die Uebrigen, mit Stadtgesprächen beschäftigt, schienen fast gar nicht sie zu bemerken. Ohnehin war die Gesellschaft nie zahlreich, die Gräfin liebte keine Diners, sie schimmerte lieber bei Kerzenschein, und auch Ernesto war ein seltner Gast an ihrem Tische.

Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung, wenn sie durch Ottokars Gegenwart belebt ward. Mit Entzücken sah dann Gabriele, wie alles in seiner Nähe sich veredelte, wenn sie auch dabei bald hochrot erglühte, bald blütenweiss erblasste, und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte. Es konnte ihr nicht entgehen, dass Alle strebten, sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten, und ihn offenbar als den ersten unter sich anerkannten, obgleich er mit der anspruchlosesten Bescheidenheit sich über keinen zu erheben suchte. Sein Platz an der runden Tafel zwischen der Gräfin und Aurelien war dem von Gabrielen gerade gegenüber. Ihr entging fast kein einziges seiner Worte, und wenn er