1821_Schopenhauer_090_109.txt

ihn anfuhr, "nur wenige Augenblicke erbitte ich mir, dann können Sie, ich wiederhole es, tun was Sie wollen. Einer Dame zu Gefallen wie die Markise d'Aubincourt ist, schlagen sich Männer wie wir beide nicht; dass dem so sei, liegt in der Erläuterung, die ich Ihnen versprach, klar zu Tage. Und sollten wir uns schlagen, um unsre Tapferkeit zu beweisen? Ihre ehrenwerten Narben, Herr Rittmeister, überheben Sie dieser Mühe, und obgleich ich leider keine ähnlichen aufzuweisen habe, so verkündet das Gerücht doch zu viel solcher Heldentaten von mir, wie die ist, zu der Sie mich jetzt auffordern, als dass ich fürchten müsste, in der Welt für feig zu gelten, weil ich erkläre, mich diessmal nicht schlagen zu wollen."

"Genug, genug der Worte," unterbrach ihn Adelbert. "Die Zeit entflieht und meine Geduld mit ihr. Haben Sie mich gestern gefordert, warum wollen Sie mir heute nicht Rede stehen? Und war Ihr Versprechen einer Erläuterung keine Ausforderung, nun so fordere ich Sie jetzt, weil Sie es wagen, eine Dame zu lästern, die zu schützen mir, besonders seit dem gestrigen Abend, Pflicht ist. Ihnen gehört jetzt der erste Schuss, ich bin bereit, wählen Sie, hier sind die Pistolen."

"Nicht eher," rief Hippolit, "bis Sie den Inhalt des Taschenbuchs untersucht haben, welches dort neben den Pistolen liegt; es entält die versprochnen Erläuterungen. Und auch dann, ich will Sie nicht betrügen, ich bleibe auf jeden Fall meiner ersten Erklärung treu, ich schiesse nicht auf Sie, ich habe Gründe, es nicht zu tun."

Mit immer steigender, rasender Wut drang nun Adelbert auf ihn ein, ohne auf ihn zu hören, und wollte ihm ein Pistol aufzwingen, doch Hippolit wehrte ihn ab, indem er bei seiner Erklärung blieb.

"Tun Sie, was Sie wollen," sprach er endlich, "bleiben Sie meinetwegen dabei, wenn Sie es für Recht halten, meine gestrigen Worte als eine Forderung zu nehmen, der Glaube, es sei so, brachte Sie ja hieher, und ich stelle mich Ihnen, schiessen Sie. Nur geben Sie mir Ihr Ehrenwort, das Zimmer nicht zu verlassen, ehe Sie jenes Taschenbuch untersucht haben, und dann geloben Sie mir, den Inhalt desselben vor jedermann auf ewig zu verschweigen. Gewähren Sie mir das."

Adelbert, vor Zorn bewusstlos, spannte das Pistol. Hippolit stand ihm gegenüber in aufrechter Stellung am Fenster, während Jener der tür zuflog. Sein Mund sprach unverständliche Worte, sein Herz klopfte, hörbar bewegt vom wildkochenden Blute, Feuerflammen tanzten vor seinen Augen. "Sie wollen es! Sie wollen es!" schrie er, wie einer, der nicht weiss, dass er spricht, und ohne zu zielen drückte er ab.

Hippolit wankte erbleichend, und sank dann in einem neben ihm stehenden Sessel. "Sie halten Ihr durch die Tat abgelegtes Versprechen, Sie können nicht eher hinaus, ich habe den Schlüssel und Sie werden keinen Wehrlosen berauben wollen," sprach er mit leiser stimme, und hob den linken Arm gegen den Tisch, der rechte, überquellend von Blut, hing bewegungslos herab.

Adelbert stand da wie ein Starrsüchtiger. Fast noch bleicher als der blutende Hippolit, staunte er mit dem Ausdruck völligen Unbewusstseins ihn an, und hielt dabei das unglückliche Pistol noch immer in drohender Stellung in die Höhe.

"Fassen Sie sich, erfüllen Sie, was ich von Ihnen erbat, Sie sehen, ich blute sehr, und mir kann eher keine hülfe werden," sprach Hippolit.

Adelbert schien zu erwachen. Mit einem unterdrückten Schrei des Entsetzens flog er auf den Verwundeten zu.

"Dortin, das Taschenbuch," stammelte dieser fast unverständlich und wies immerfort nach dem Tische hin, "lassen Sie mich nicht verbluten."

In wilder Hast flog jetzt Adelbert an den Tisch, mit zitternden Händen und unstätem Blicke öffnete er das Buch, das Bild Herminiens fiel zuerst ihm entgegen, dann einige Porträte junger Männer, unter ihnen sein eigenes, das er ihr gab als er die Universität bezog, auch Briefe quollen den Bildern nach, doch alles flimmerte vor seinen Augen und draussen wurden Hippolits Diener immer lauter vor der verschlossenen tür, denn der Knall des Pistols hatte sie herbeigezogen.

"Lassen Sie mich öffnen," rief endlich bittend

Adelbert, "ich kann nicht lesen in dieser Angst, ich will es, ich gelobe es, ich will eher nichts anders unternehmen, aber lassen Sie mich jetzt öffnen." Hippolit willigte ein.

"Ein Spiel, ein dummes Spiel, wir wussten nicht,

dass sie geladen seien," stammelte er den erschrocken Eindringenden entgegen und sank dann, vom Blutverlust erschöpft, ohnmächtig hin.

Sein Kammerdiener, der zum Glück zugleich

Wundarzt war, begann jetzt die Wunde zu untersuchen und Adelbert erwartete in stummer Angst mit gesenkten Blicken seinen Ausspruch. Die Verletzung war schmerzhaft, bedeutend, doch nicht gefährlich, die Kugel war in den Oberarm gedrungen, aber nur der starke Blutverlust konnte Besorgniss erregen. Die Schmerzen des ersten Verbandes erweckten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht; ohne reden zu können, reichte er Adelberten die linke Hand, zeigte abermals nach dem Tisch, auf welchem das Taschenbuch lag, und schloss dann ermattet die Augen wieder.

Adelbert versuchte zu halten, was er versprochen hatte, er ergriff das Buch, aber die Luft im Zimmer