ihm entgegen kamen, bewogen ihn wieder umzukehren, und die stillere Einsamkeit seines abgelegenen Zimmers aufzusuchen. Dort überraschte ihn geisterhaft Augustens nicht geahnete Gegenwart; mit seinem ganzen Dasein, sogar mit seinen Sinnen zerfallen, wusste er nicht zu unterscheiden: ob die beschämende Wirklichkeit ihn quäle, oder ob Scheinbilder, durch innres Bewusstsein ins Dasein gerufen, ihn irrten? Er floh halb wahnsinnig, mit der Hast des wildesten Entsetzens die Treppe wieder hinab, und am fuss derselben empfingen ihn Herminiens ungebändigter Zorn, ihre schonungslosen Vorwürfe. Ach! er glaubte in jenem Augenblick diese alle zu verdienen, denn sein Herz lag wie Eis in der wild-bewegten Brust; die Täuschung der Sinne war geschwunden und er fühlte sich zwiefach meineidig, gegen sie wie gegen Augusten. Er hätte die ganze Welt, am liebsten sich selbst in diesem Moment vernichten mögen, in welchem mitten durch den Sturm seines Gemüts noch der zitternde Klagelaut bebte, mit dem Augustens Erscheinung ihm entschwunden war. Hippolits besonnene klarheit, die sichere Ruhe, mit welcher dieser die schleunige Entfernung der Markise als das zunächst Notwendigste betrieb, erbitterten den Aufgebrachten noch mehr. In seiner leidenschaftlichen Verworrenheit war ihm alles willkommen, was sich ihm bot, um seiner inneren Verzweifelung in verzweiflendem Tun Luft zu machen. Und so ergriff er mit Freuden die jedes Missverstehn ausgleichen sollenden Worte Hippolits als eine förmliche Ausforderung, die ihm gelegenheit geben konnte, alle Schuld gegen Herminien wie gegen Augusten mit Blut zu sühnen.
Im Wagen neben Herminien befiel ihn ein unaussprechliches Grauen vor ihr wie vor dem Dämon seines Lebens; vergebens sprach sie ihm zu; er hörte ihre stimme, ohne ihre Worte zu vernehmen, floh, von einem dumpfen Instinkt geleitet, und liess sich nicht halten, so wie sie die tür ihres Hauses erreicht hatten. Gequält vom ängstlichen Bewusstsein verdienter Verlassenheit, in wilder Hoffnung auf den folgenden Morgen, irrte er nun heimatlos die ganze Nacht hindurch im Freien umher und strebte nur Hippolits Bild als das eines Feindes festzuhalten. Gleich zerstört von innen und aussen, mit jenem Trotz, welcher das innere Bewusstsein eines Unrechts, das man nicht anzuerkennen fest entschlossen ist, allemal begleitet, betrat er zur bestimmten Stunde um fünf Uhr des Morgens das Zimmer Hippolits, der ruhig und heiter dem Erwarteten entgegen kam.
Ganz anders als der arme Adelbert, hatte dieser die Nacht zugebracht. Zwar war auch sein Blut bei der gestrigen Scene in Wallung geraten und er hatte deshalb, vom Zorn überwältigt, nicht widersprochen, da sein Erbieten zu jeder Erläuterung ganz anders aufgenommen wurde, als er es eigentlich gemeint hatte; doch in der ruhigen Einsamkeit seines Kabinetts ward er bald Herr seines leicht aufbrausenden Sinnes. Der pünktliche Gehorsam seines Kammerdieners hatte diese Einsamkeit gegen jeden Angriff, besonders gegen Moritzens Nachfragen zu sichern gewusst und so war Hippolit ungestört im ernsten Kampfe mit sich selbst, fähig geworden, dem feindselig zu ihm Eintretenden freundlich-ernst die Hand entgegen zu reichen.
Adelbert stutzte einen Augenblick bei diesem unerwarteten Empfang, dennoch war er weit von dem Gedanken entfernt, die dargebotne Hand zu ergreifen, die er mit erzwungner Kälte, doch nicht auf beleidigende Art ablehnte.
"Herr Graf!" sprach er, so ruhig als es ihm möglich war, "haben Sie die Güte auch für mich ein Pferd sattlen zu lassen, denn Sie begreifen wohl, dass ich jetzt das meinige nicht aus Herrn von Aarheims Stall holen lassen kann.
"Alle meine Pferde stehen zu Ihrem Befehl, Sie sollen die Wahl haben, es sind schöne Tiere darunter, die Ihnen gewiss gefallen werden;" war Hippolits sehr höfliche Antwort. "Doch wäre es nicht besser, den schönen Morgen erst nach der Erläuterung zu geniessen, zu welcher ich gestern mich erbot?"
"Ihr kalter Hohn soll mich nicht aus der Fassung bringen," rief jetzt Adelbert beinahe schäumend vor Wut. "Kommen Sie dann zu Fuss wenn Sie Ihre Pferde schonen wollen, doch ohne Säumen bitte ich, mich verlangt nach Ihrer sogenannten Erläuterung; mit der schönen natur halten Sie es späterhin nach Belieben."
In Hippolits Angesicht flammte bei diesen Worten die glühende Röte des Zorns auf, doch gelang es ihm schnell, die vorige Fassung wieder zu gewinnen. "Eben deshalb, weil auch ich keine Zeit zu verlieren wünsche, bitte ich, den Ritt bis nach der Erläuterung, die ich Ihnen versprach, zu verschieben," erwiderte er gelassen. "Nirgend kann ich bequemer sie Ihnen geben als hier."
"Hier?" rief Adelbert, mit wildem zornigem lachen, "nun meinetwegen auch. Das Zimmer geht nach dem hof zu, in dem engen raum kommen wir vielleicht um so eher zum Zweck. Nun es sei, auch hier. Wo sind Ihre Pistolen? Ich habe keine mitgebracht, mein rechter Arm vermag zwar nicht mehr, den Säbel zu führen, mit dem linken aber nehm ich es im Schiessen mit jedem auf."
"Hier sind zwei Paar Pistolen, sie sind alle geladen," sprach Hippolit, indem er sie auf den Tisch legte, dann ging er zur tür, schloss ab und steckte den Schlüssel zu sich. "Sie sehen meine Bereitwilligkeit, alle Ihre Forderungen zu erfüllen, Herr Rittmeister! nur eine muss ich bestimmt Ihnen versagen, ich schiesse nicht auf Sie, Sie hören mich denn zuvor an. Dann tun Sie, was Ihnen recht deucht. Lassen Sie mich vollenden was ich zu sagen habe," rief er mit erhobener stimme, da Adelbert heftig gegen