1821_Schopenhauer_090_106.txt

dann weinte sie und lehnte sich wieder an ihn. Da trat der junge Herr Graf heran, kommen Sie, gnädige Frau, sprach er, Sie geben hier ein Schauspiel, dessen Sie morgen sich schämen werden, und so nahm er ihren Arm und wollte sie an den Wagen führen, aber sie riss sich los. Soll ich vor Ihren Augen um Ihrerwillen mich misshandeln lassen? rief sie dem Herrn Rittmeister zu. Soll ich den Befehlen dieses Menschen gehorchen, durch dessen Künste ich morgen das Mährchen der Stadt sein werde? und Sie, um den alles dieses geschieht, sehen gelassen zu? Da ward der Herr Rittmeister so feuerrot als er vorher bleich gewesen war; auch Graf Hippolit ward heftig, und unser gnädiger Herr, der eben zur tür hereintrat, sprach auch darein und wollte sie besänftigen, auf spanisch und italienisch, aber es wollte alles nichts helfen. Der Streit ward immer heftiger und mir wurde so angst dabei, dass ich zuletzt auch nicht mehr vernahm, was sie auf deutsch zu einander sagten, bis der junge Herr Graf endlich gelassener wurde und sich verständlich machen konnte. Herr Rittmeister, sagte er, lassen Sie uns eine Scene enden, die schon zu lange gewährt hat und hier doch nicht entschieden werden kann. Morgen bin ich zu jeder Erläuterung bereit. Gut dann, morgen, erwiderte der Rittmeister, und trat ganz nah zu ihm heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der Herr Graf eine bejahende Verbeugung machte, als wolle er sagen, ich bins zufrieden, und dann fortging. Die Frau Markise tat nun ganz ohnmächtig und der Herr Rittmeister musste sie begleiten, damit sie nicht allein im Wagen wäre. So wurde dann Ruhe, aber gewiss, es war nur zu deutlich zu sehen, die beiden Herren haben so leise nichts gutes mit einander abgemacht."

"Komm" rief Auguste mit erzwungner Ruhe, "jetzt muss ich zu ihm und wäre er auch bei ihr, ich muss ihn sehen. Ihr Auge flammte, ihre Bewegungen waren fieberhaft und Gabriele kämpfte der Ausführung dieses Gedankens mit aller Macht entgegen. Sie stellte ihr vor, wie misslich und zweckwidrig jedes Einmischen der Frauen bei Männerstreitigkeiten in der Regel auszufallen pflege, aber sie hätte schwerlich gesiegt, wenn nicht das Rollen eines Wagens in den Hof hinein, Augusten wenigstens für den Augenblick zurückgehalten hätte.

Es war der General, der so ganz mit dem Ausdrukke einer guten Botschaft zu den Frauen hineintrat, dass sie alles geschlichtet und jede Besorgniss für überwunden achten mussten. Doch was den Oheim so freudig machte, war nur die Gewissheit, dass weder Bitten noch Drohen, weder Tränen noch Gründe Adelberten hätten bewegen können, die Markise weiter als bis an die tür ihrer wohnung zu begleiten. Die Gräfin Rosenberg, bei welcher der General, spät wie es war, Zutritt suchte und die freundlichste Aufnahme fand, hatte als Augenzeugin ihn dessen versichert, überdem war sein Zorn gegen Adelberten durch diese Dame um vieles gemildert worden. Mit ihrer gewohnten Klugheit hatte sie dem Oheim alle Künste und Lockungen auf das lebhafteste geschildert, mit welcher Herminia fast unwiderstehlich den Arglosen anzog und festielt. Die seltne Schönheit der verführerischen Frau, des Neffen früheres verhältnis zu ihr, Augustens Abwesenheit wurde ebenfalls in Anschlag gebracht, und so gelang es ihr, den Oheim halbversöhnt mit dem Liebling seines Herzens wieder heimzusenden.

"Die Tante ist eine Frau, vor welcher ich alle achtung habe," sprach er zu Gabrielen, "Welt und Erfahrung haben sie mild und verständig gemacht. Sie kennt das Leben, und weiss dass Adams Söhne aus gröberem Stoffe geformt wurden als ihr, die ihr doch immer den Engeln näher verwandt seid als uns, nämlich, wenn ihr einmal etwas taugt. Die Herminien nehme ich aus, die gehören zu den gefallenen Engeln, vor welchen jeder gute Christ ein Kreuz schlägt. Getrost liebe Nichte! Jugend ist freilich ein strengerer Richter als das Alter, aber ich hoffe doch, der Sünder Adelbert soll Gnade finden wenn er heimkehrt. Und somit gute Nacht. Der heutige Tag hat der Plage genug gehabt, lasst uns Kräfte sammeln für den morgenden, ehe er uns hier überrascht."

"Und Adelbert? wo ist er?" fragte Gabriele mitleidsvoll, denn Auguste sass da und vermochte keinen laut aufzubringen.

"Das weiss ich nicht," erwiderte der General, "wie ich höre hat er weder Freunde noch Bekannte, bei denen man ihn vermuten könnte, und nachdem ich die Gräfin verlassen, bin ich nach allen Gastöfen herumgefahren, ihn zu suchen, ich habe schlaftrunkne Portiers und Hausknechte die Menge ins Verhör genommen, aber niemand wollte von ihm etwas wissen. Und wenn ich ihn auch gefunden hätte, was hätte es geholfen? Liebe Frauen, ich will es zugeben, es mag um die gesetz unsrer Ehre ein barbarisches Ding sein, aber sie sind für's erste nicht zu ändern. Uebrigens hat er es, wie ich höre, mit einem braven edlen Gegner zu tun, lasst das euern Trost sein wie er der meinige ist. An das Leben geht es nicht gleich, und ein kleines Andenken an diese geschichte kann ihm für die Zukunft ganz gesund sein, wenn es nicht zu arg kommt."

Die weichen liebenden Herzen der Frauen konnten dieser Ansicht nicht beipflichten, sie schlugen ängstlich und ahnungsvoll in immer wachsender Besorgniss, als auch Moritz bei jetzt ganz hellem Tage heimkehrte.

Der arme bebte im Fieberfrost und musste sogleich zu Bette gebracht werden. Seine