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What shall we do, what shall we do?" wimmerte Moritz in einem fort, nach seiner gewohnten Art in jeder Angst. Der General war indessen zum Zimmer hinausgestürmt, eben rollte der Wagen fort, in welchem er zur Markise fuhr. Moritz kam glücklicher Weise auf den Gedanken, sich ebenfalls aufzumachen, um seinerseits den Grafen Hippolit aufzusuchen, und so erhielt Gabriele endlich eine ruhige Stunde, um mit der innigsten Liebe Augustens sorge und Schmerz zu beschwichtigen.

Die Zeit verging im trüben gespräche, es ward Mitternacht, schlaflos horchten die Freundinnen auf jeden, durch die immer einsamer werdenden Strassen hinrollenden Wagen, unzählige mal musste die treue Annette hinaus auf den Balkon, um nachzusehen ob niemand käme? Vergebens. Draussen blieb alles ruhig, und in ihnen ward es immer trostloser und bänger.

Schonend, um ihn trauernd, ihn vertretend, wie nur der Schutzengel seines Lebens vor dem ewigen Richter es könnte, hatte indessen Gabriele versucht, Adelberts Verirrung zu entschuldigen, und Hoffnungen einer glücklichern Zukunft zu erregen. Sie hatte es mit einem Herzen zu tun, das ohnehin so bereit war zu vergeben, und der Sieg über die Vergangenheit ward ihr in dieser Hinsicht nicht schwer. Desto bänger aber zitterte Auguste den nächsten Morgenstunden entgegen, die sie, Unheil weissagend, den Himmel schon röten sah. Gabriele war hier weniger besorgt und bemühte sich eifrig, der Freundin den Glauben beizubringen, den sie selbst so gern festielt: dass Herr von Aarheim sich geirrt habe und von gar keinem Streit, der einen blutigen Ausgang drohe, die Rede gewesen sein könne.

Von jeher war sie fern von allen Stadtsagen und aller Anekdotenjägerei geblieben, ihr ganzes Wesen schlug jeden Versuch nieder, sie mit irgend etwas, diesen schmutzigen Quellen Entfliessendem bekannt zu machen. Daher war Hippolits früheres verhältnis zur Markise ihr ein geheimnis geblieben und sie begriff wirklich nicht, wie und warum Adelbert mit ihm gerade in diesem Momente so heftig an einander hätte geraten sollen. Die beleidigenden Worte, mit welchen die Markise das Zimmer verliess, hatte sie als Ausbrüche ohnmächtiger Wut zu wenig geachtet, um sich die Mühe zu geben, sie verstehen zu wollen. Doch während sie auf diese Weise ihre zitternde Freundin zu beruhigen suchte, erhob plötzlich Annette ihre stimme aus dem dunkeln Winkel, in welchem sie neben Augustens Ruhebette sass, und gab beiden Frauen eine Gewissheit, welche diese so gern entbehrt hätten.

Das treue Mädchen war der Liebling ihrer Herrin geblieben und hatte als solcher so manches kleines Vorrecht; unter andern das, an Konzertabenden in einem Nebenzimmer der Musik lauschen zu dürfen. Auch an diesem Abende hatte sie diese erlaubnis benutzt. Aengstlich über die ihr so ganz ungewohnte Scene, welche die Freuden desselben unterbrach, wollte sie die grosse Treppe hinab, der unerwartet schnelle Aufbruch der Gesellschaft hielt sie auf, und so kam sie in der Vorhalle des Hauses an, als eben der Zwist zwischen Hippolit und Adelberten begann.

"Liebe gnädige Frauen!" sprach Annette, "es schmerzt mich in der Seele, Ihnen Ihren Trost zu benehmen, aber Wahrheit bleibt doch immer das Beste, und so denke ich, muss ich sie Ihnen gestehen, da ich sie weiss. Die beiden gnädigen Herren sind freilich leider in gefährlichem Zwist geraten."

Gabriele erschrack nicht weniger über dieses geständnis, als über Augustens Gegenwart dabei und suchte, so viel sie unbemerkt es konnte, Annetten zum Schweigen zu bringen, aber vergebens. Ein unglücklicher Stern schien heute über diesem haus aufgegangen, der jede Schonung vernichtete, und Auguste drang mit so heftigen, ungeduldigen fragen in das Mädchen, dass Gabrielen nichts übrig blieb, als sie gewähren zu lassen.

"Die Frau Markise," erzählte Annette, "ging eben ganz hochtrabend durch die Halle und der junge Herr Graf hinter ihr drein; sie sah sich aber gar nicht nach ihm um, sondern nur immer mit steifem Nacken gerade aus, als der Herr Rittmeister neben mir die Treppe hinabstürmte. Er war so todtenbleich und so zerstört, dass ich ohne die Uniform gar nicht gewusst hätte, er sei es. So wollte er neben der Frau Markise zur tür hinaus, aber sie hielt ihn am arme fest, trat dicht vor ihm und sah ihm starr und fest in die Augen. Da ward er immer bleicher, und zitterte so, und sah aus wie an dem Abende, als er aus der ersten Gesellschaft bei der Frau Gräfin kam. Die Frau Markise sprach französisch zu ihm, und weinte dabei, und lehnte den Kopf an seine Schulter vor allen Bedienten! Ich glaubte es nicht, wenn ich es nicht gesehen hätte."

"Und er? und er?" fragte ängstlich leise Auguste.

"Nun der Herr Rittmeister stand da und regte sich nicht," war die Antwort; "er trat sogar ein kleines bischen zurück, wie mir dünkt, aber es half ihm nichts. Die böse Dame, Gott verzeih es mir, aber das ist sie, fasste ihn und drehte ihn plötzlich gegen den jungen Herrn Grafen. Danken Sie diesem Herrn, sprach sie auf einmal auf deutsch, dass er zur Besserung des unartigen Knaben den Herrn Onkel kommen liess, und dann gehen Sie herauf, bitten Sie ab, küssen Sie die Hand die Sie straft, man wird Ihnen am Ende vergeben und Sie werden auf Ihre Art glücklich sein. Was aus mir wird, aus meiner gemordeten Ehre, gilt Dir gleich und so auch mir. Ja wahrhaftig, sie hat ihn geduzt, und