Auguste! Dass ich diese vergessen konnte! Aber wie war es möglich, ein solches Zusammentreffen vorauszusehen? Wir meinten es gut, Frau von Willnangen und ich; ungern mochte ich Adelberten vor Beendigung seines Geschäftes von hier abrufen. Augustens Wiedersehen, so hofften wir, sollte schnell die Fesseln der Buhlerin lösen. Wer konnte die Möglichkeit denken, in der Markise d'Aubincourt Herminien zu finden?!"
"Um Gotteswillen, wo ist Auguste?" rief Gabriele.
"Die arme," erwiderte der General, der noch immer seine gewöhnliche Fassung nicht wieder gewonnen hatte; "die arme! Sie weiss von nichts. Auf mein Bitten begleitete sie mich, Adelberten, wie sie glaubt, zu seinem heutigen Geburtstage durch ihre Gegenwart freudig zu überraschen. Wir vernahmen beim Aussteigen aus dem Wagen, hier sei Konzert, Gott weiss, ich ahnete nichts von der Scene, die nun erfolgt ist. Ich glaubte nicht die Markise in dieser Gesellschaft zu finden. Gut nur, dass Auguste sich nicht in Reisekleidern zeigen mochte."
"Wo ist sie? wo ist sie?" fragte Gabriele noch ängstlicher und zog hastig die Klingelschnur, um Annetten herbei zu rufen.
"In Adelberts Zimmer," erwiderte der General, "sie wollte eiligst sich umkleiden."
Pfeilschnell flog jetzt Gabriele, die Freundin aufzusuchen, der General folgte ihr; unten von der Treppe herauf hörten sie unterweges Hippolits und Adelberts Stimmen, wie im heftigen Wortwechsel ertönen und auch der Markise stimme ward vernehmbar.
Zu jeder andern Zeit würde diess alles Gabrielen sehr beunruhigt haben, jetzt achtete sie kaum darauf und dachte nur an Augusten. Sie fand sie wirklich in Adelberts Zimmer allein, zwar mit allem Geschehenen unbekannt, aber doch zitternd vor einem namenlosen Unglück, das ihr um so furchtbarer erschien, je weniger sie im stand war, ihm eine Gestaltung zu geben.
Adelbert war vor einigen Minuten heftig bewegt und, wie sie meinte, freudig über ihren unvermuteten Besuch in das Zimmer gestürzt. Mit offnen Armen war sie ihm entgegen getreten, er aber hatte mit vorgestreckten Händen sie von sich abgewehrt, hatte furchtbar sie angestarrt und war dann davon geflohen wie ein Verzweifelnder. Auguste war ihm gefolgt, aber er in dem ihr fremden haus schnell ihr aus dem Gesicht geschwunden. Mit Mühe hatte sie sich in das Zimmer zurück gefunden, und dann versucht sich zu erholen, um Gabrielen aufsuchen zu können, als diese mit dem General zu ihr eintrat. Gabriele kannte das zutrauensvolle Gemüt ihrer Freundin, sie wusste, dass diese liebende, neidlose Brust keinen Funken Eifersucht verbarg, und blickte mit um so herzlicherem Mitgefühl auf die arme, die nur vor einem ihr unbekannten äussern Unglück zitterte, welches ihren Adelbert betroffen zu haben schien, während sie gar nicht daran dachte, dass sie anders als in ihm beklagenswert sein könne. Gabrielens erste sorge war, Augusten unter einem Vorwande aus dem Zimmer zu entfernen, in welchem Adelbert selbst jeden Augenblick überraschend eintreten konnte. Dann suchte sie die schwere Aufgabe zu lösen, Augusten so schonend als möglich mit Adelberts und Herminiens zufälligem Zusammentreffen und dessen Folgen bekannt zu machen. Die natur hatte Augusten mit Lebensmut und mit heiterem, alles ebnendem Sinn, diesen zum Glück des Lebens notwendigsten Gaben, reichlich ausgestattet und so wäre es der sorgenden Freundschaft wohl gelungen, die Bitterkeit des Kelches wenigstens zu mildern, den sie nicht mehr an ihr vorüber führen durfte, doch Moritzens unseliger Unbedacht vereitelte ihr Bemühen.
Unbekannt mit allem früher Vorgefallnen, kehrte er von einem späten Männerdiner zurück und gewahrte mit grosser Verwunderung den ungewohnt zeitigen Aufbruch der bei Gabrielen versammlet gewesenen Gesellschaft, deren Wagen sich eben von seinem haus aus in alle vier Winde verstreuten. Mit noch grösserem Erstaunen fand er in der Vorhalle die Markise, Adelbert und Hippoliten in heftigem Wortwechsel begriffen. Ohne dessen Entstehen zu kennen, bemühte er sich, ihn zu schlichten, und stürzte, da dieses misslang, ganz verstört in Gabrielens Zimmer, ohne die Anwesenheit des Generals und Augustens zu bemerken.
"Sono ammazato! sie sind tot oder vielmehr so gut als tot, alle beide! Sie schlagen sich mit Tagesanbruch auf Pistolen, der Rittmeister und Hippolit," rief er aus, und lief wie ein Verrückter im Zimmer umher. Vergebens bemühten sich der General und Gabriele ihn zum Schweigen oder zu einer bestimmten Erzählung des Vorganges, den er andeutete, zu bewegen; er fuhr nach seiner unverständigen Weise fort, die bängsten Befürchtungen zu erregen, ohne sich deutlicher erklären zu wollen, bis Auguste, freilich bebend und bleich, sich erhob und des Generals Arm ergriff.
"Kommen Sie, Vater!" sprach sie, "zu ihm führen Sie mich!"
"Bravissimo!" rief plötzlich sehr freudig Moritz von Aarheim, "das ist ein herrlicher Einfall, mein Wagen steht zum Glück noch angespannt und ich selbst will Sie zur Frau Markise begleiten. Dort ist er, die gute Dame zog ihn beinahe gewaltsam mit in ihren Wagen, gewiss hält sie ihn bei sich fest, to keep him out of harms way."
"Er folgte Herminien?" rief wie ausser sich der General, und wütender als je flammte sein Zorn auf. "Ja ich nehme Ihren Wagen, ich will den Ehrlosen bei der Ehrlosen finden!"
Auguste sank an Gabrielens Busen. "Herminia! Und du verschwiegst es mir?" sprach sie leise und fiel dann, nicht ohnmächtig, aber wie zerbrochen an allen Gliedern, auf den Sopha zurück.
"