betrachtete er sie, jede Sekunde überzeugte ihn immer fester, sie sei wirklich die, für welche er sie im ersten Augenblicke erkannt hatte, bis endlich eine Pause in der Musik entstand. Die Markise, welche bis dahin ihr Harfenspiel ganz unbefangen fortgesetzt hatte, wendete sich jetzt gegen ihre Zuhörer, um in ihren Augen die dankbarste Bewunderung zu lesen, und ihr erster blick fiel auf die hohe, drohende Gestalt, die, ganz nahe vor ihr, über die Harfe weg, sie anstarrte. Gelähmt vom Schrecken bei der unerwarteten Erscheinung, die auch sie nur zu wohl wieder erkannte, fühlte sie dennoch die dringende notwendigkeit, hier ruhig und besonnen zu bleiben. Sogar ein Gedanke der Möglichkeit, unerkannt durchzuschlüpfen, fuhr ihr durch den Kopf, wenn sie Fassung genug behielt, ferner für eine Französin zu gelten, deren grosse Aehnlichkeit mit der ehemaligen Braut seines Neffen den General verwirre. Aber ein Seitenblick auf Adelbert, der wie vernichtet da stand, brach ihr den Mut, und als nun vollends der General die wohlbekannte stimme donnernd erhob, sank sie erbleichend auf dem Divan zurück, und vermochte es kaum noch, auf ihrem Sitz sich aufrecht zu erhalten.
Erzürnt, tief empört, vom Augenblick hingerissen, vergass der General alle ihm sonst eigne Milde und Schonung und begann eine laute lange Strafpredigt. Der ganze Zusammenhang von Adelberts Verirrung war ihm klar geworden wie der Tag, so wie er in der Markise Herminien wieder fand, und er überströmte die ihm jetzt zwiefach strafbar Erscheinende mit fragen, mit Vorwürfen, mit Anklagen, welche den dabei Gegenwärtigen ihre früheren und jetzigen Verhältnisse in dem allerungünstigsten Licht offenbaren mussten. Die duldende Verlegenheit der Markise galt bei Allen für das vollkommenste Eingestehen jeder Beschuldigung, besonders da sie in der Angst der früheren Verstellung vergass, und plötzlich in sehr reinem geläufigem Deutsch ihren Widersacher zu besänftigen und manche Anklage von sich abzuwenden suchte. Die Scene ward immer verwirrender und Gabriele, die, wenn sie gleich auf diese Art es nicht gewollt hatte, sich doch bewusst war, sie veranlasst zu haben, geriet in immer drückendere Verlegenheit. Denn jetzt erhob sich auch die Gräfin, um die Angeklagte vollends zu zerschmettern.
Mit richtendem Ernst, stolz und hoch wie eine Königin, betrachtete sie sie einige Sekunden, dann wandte sie sich an Gabrielen mit der laut ausgesprochnen Bitte, ihr zu verzeihen, dass sie, auf beispiellose Art getäuscht, sich durch ihre gewohnte arglose gefälligkeit habe verleiten lassen, eine Dame bei ihr einzuführen, mit deren Verhältnissen sie, wie sie jetzt gewahr werde, dazu nicht bekannt genug gewesen sei. Mit einer verbeugenden Bewegung, welche die nehmliche Bitte auch den übrigen Anwesenden wiederholte, verliess sie alsdann das Zimmer, nur begrüsste sie noch vorher die Markise mit einem nachlässig vornehmen: Madame! J'ai l'honneur de Vous saluer und umarmte nochmals ihre verlegen dastehende Nichte.
Auch Adelbert hatte sich früher, ohne bemerkt zu werden, entfernt.
Jedes Bestreben, dem General Einhalt zu tun, war vergeblich. Mitleidig versuchte es endlich Gabriele, der Markise wenigstens den Weg zur Flucht zu bahnen, aber dieser war nicht zu helfen, sie sass regungslos auf dem Divan, von der einen Seite durch die grosse Harfe eingeengt, von der andern durch den General, der sich selbst immer zorniger sprach, und seinen Anschuldigungen immer schonungslosere Worte gab. Hippolit hatte indessen sich lange fruchtlos bemüht, die bei diesem widerwärtigen Vorgange nicht persönlich interessirten Zuschauer zum Weggehen zu bewegen, alle bildeten aber einen neugierigen Kreis und niemand hatte die mindeste Lust zu wanken oder zu weichen. Doch jetzt, da die Gräfin das Beispiel gab, konnte man sich nicht mehr anständig weigern, ihr zu folgen. Die Gesellschaft brach also mit ihr auf, und Hippolit ergriff nun das einzige Mittel, das ihm übrig blieb, um diese unangenehme Scene gänzlich zu beenden. Er nahte sich der Markise, schob die schwere Harfe bei Seite, und unerachtet der General, den er nicht kannte, noch immer fort sprach, bot er ihr den Arm, um sie an ihren Wagen zu geleiten. Doch es schien als ob das Regen der Gesellschaft um sie her, sie plötzlich aus ihrer Bewusstlosigkeit erwecke; sie stand auf, wiess mit einer verachtenden Bewegung Hippolits dargebotnen Arm von sich, und wandte sich dann gegen den General, der nun seiner Seits auch über das Unerwartete wie verwundert verstummte.
"Ihr Alter, Herr General! gibt Ihnen das Privilegium, unartig zu sein, daher verzeihe ich Ihnen," sprach Herminia sehr vernehmlich. "Ob Sie aber Ihr heutiges Betragen sich selbst und denen, welche Sie dazu aufreizten, werden verzeihen können, das mögen Sie bei kälterem Blute selbst entscheiden. Morgen, wenn Sie das Fieber verschlafen haben, in welches die Ermüdung der Reise Sie versetzt hat, werden bei hellerem Bewusstsein Ihnen vielleicht die Gründe klar werden, welche diese Dame und diesen Herrn veranlasst haben können, Sie zu einer Scene zu verschreiben, deren Herbeiführung freilich den Forschungsgeist und das savoir faire derselben in der skandalösen Kronick der Stadt rühmlichst verewigen muss." Mit einem höhnischen Lächeln verbeugte sie sich bei diesen Worten gegen Hippolit und Gabrielen und verliess dann das Zimmer. Hippolit folgte ihr dennoch, um sie sicher bis an den Wagen zu geleiten, während Gabriele beim General blieb, der zornbleich und von der heftigen Gemütsbewegung erschöpft in einen Armsessel gesunken war, aus dem er aber mit dem Ausdruck eines schreckhaften Sichbesinnens bald wieder auffuhr.
"Auguste!" rief er, "