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sie selbst nicht mehr Täuschung und Wahrheit von einander zu unterscheiden wusste, und das Spiel immer weiter trieb, zuletzt hauptsächlich nur um des Spieles willen.

Nicht mit jener quälenden Empfindung, welche Herminia in ihr erregen wollte, aber doch schmerzlich besorgt, sah Gabriele Adelberten sich täglich ihr mehr entfremden. Sie sah die Angst, die ihn in ihrer Nähe ergriff, sie bemerkte wie geflissentlich er jedes Gespräch mit ihr vermied, ohne erraten zu können wodurch sie sein Zutrauen verscherzt habe. Auch zeigte er sich ihr durchaus nicht feindselig, aber ihr Beisein übte über ihn eine sichtlich vernichtende Gewalt. Das Geschäft, welches ihn in die Residenz geführt hatte, vernachlässigte er durchaus und brachte dennoch fast alle seine Zeit ausser dem haus zu. Sie begriff nicht, wo? und womit? Bei der Markise traf sie ihn selten, denn sie besuchte diese nur wenn sich dort Gesellschaft versammelte, und dann pflegte Adelbert gewöhnlich zu fehlen. Tausend Vermutungen drängten sich Gabrielen entgegen, doch keine brachte sie der Wahrheit nahe, und ihr Gefühl widerstrebte jedem heimlichen Nachforschen, aber dieses unerklärliche Betragen des Gemahls ihrer Auguste lastete recht schwer auf ihrem Gemüte.

Zwischen der Markise und der Gräfin Rosenberg war indessen seit Gabrielens Ankunft eine Spannung entstanden welche, und vielleicht bald, in einen förmlichen Riss auszuarten drohte. Herminie hasste Gabrielen zu sehr, um diesen Hass nicht auch der Gräfin sichtbar werden zu lassen, besonders seit es mit jedem Tage ihr entschiedner wurde, dass Hippolit um jener willen ihr unwiederbringlich verloren sei. Die Gräfin hingegen nahm Gabrielen stets in Schutz; sie hatte sie auf ihre Art lieb gewonnen, sie wusste sich nicht wenig damit, dass eine so glänzende Erscheinung aus ihrem haus ausgegangen, unter ihren Augen gebildet sei. Nichts konnte ihr ein beifälligeres Lächeln ablokken, als wenn man Züge von Aehnlichkeit zwischen der Tante und der Nichte entdeckt haben wollte; auch konnte sie Gabrielen nicht entbehren, ihre stete Gegenwart machte die geselligen Abende der Gräfin zu den gesuchtesten und glänzendsten der Stadt, unerachtet schwache Nerven jetzt sehr oft das Nichterscheinen der Markise entschuldigen mussten; zum teil, weil diese die Abendstunden lieber mit Adelberten allein zubrachte, mehr aber noch, weil sie das Rivalisiren mit Gabrielen scheute. Ausser sich wäre sie gewesen, wenn sie gewusst hätte, wie wenig die Gesellschaft im Salon der Gräfin ihre Gegenwart vermisste. Ihr erstes blendendes Auftreten war zwar nicht vergessen, aber man gedachte dessen nur als eines angenehmen und zugleich fremden Schauspiels, welches sich indessen seiner Art nach doch nicht ganz mit deutschem Sinn und deutscher Sitte vereinen liess, während Gabrielens sich stets gleichbleibende anspruchslose Liebenswürdigkeit auf Geist, Sinn und Herz immerwährend wohltuend wirkte. Unerachtet der tausend Schwachheiten, zu welchen ungemessne Eigenliebe und Lust zu glänzen die Gräfin Rosenberg verführen mochten, hielt dennoch niemand fester als sie, an das was sie ihre Grundsätze nannte. achtung vor äusserem Anstande, Sitte und guten Ruf, diese Kardinal-Tugend vornehmer Leute besass sie in hohem Grade; sie war eine abgesagte Feindin alles offenbaren Unrechts, und Adelberts verhältnis zu Herminien musste ihr grosses Missfallen erregen, sobald sie es für das erkannte, was es war. Hippolits jetziges Benehmen gegen die Markise machte sie zuerst aufmerksam darauf. Sie sah, wie er, der sonst nur in den Blicken der Markise d'Aubincourt zu leben schien, ihr jetzt mit unverkennbarer Kälte begegnete, wie zuvorkommend er Adelberten jedesmal, wenn beide bei ihr zusammentrafen, den Platz neben ihr einräumte, und sie hatte selbst zu lange und in zu mannigfaltigen Verhältnissen in und mit der Welt gelebt, um nicht, wenn gleich diesesmal ungerechter Weise, den Grund einer so auffallenden Veränderung im Betragen ihrer Hausgenossin zu suchen. Die dunkle Seite desselben blieb ihrem Scharfblick nicht lange verborgen, und gränzenloser Zorn ergriff sie bei der Entdeckung, dass die Markise es wage, unter ihren Augen, in ihrem haus und gleichsam unter ihrem Schutze mit dem Gemahl einer ihrer nächsten Verwandtinnen ein solches Verständniss zu unterhalten. Hätte die Gräfin Rosenberg den ersten Regungen ihres empörten Gemüts zu folgen gewagt, so wäre die Markise in der nächsten Stunde durch öffentliche Kundmachung ihres Betragens vor der Welt auf das beschämendste bestraft worden; aber sie war von jeher gewohnt, nur mit der äussersten Umsicht vorzuschreiten, und jedes, nicht durch Bewunderung erregte aufsehen zu scheuen, wie den Tod. Der Familienstolz, welcher einst den Baron von Aarheim so mächtig beherrschte, war auch der Brust seiner Schwester nicht fremd, und das Bekenntniss, dass Auguste, ihre Verwandtin, um einer andern willen verlassen werden konnte, schien ihr unwürdig und entehrend. Schmerzlich vermisste sie jetzt Ernestos gewohnte leitende Hand, doch dieser Freund war fern, auf dem Wege nach Italien, wohin Ottokars wiederholte Einladungen ihn zogen, und so blieb der Gräfin nichts übrig, als an seiner Stelle Gabrielen zu Rat und Mitwirkung aufzufordern, um mit ihrer hülfe die Markise ohne äusseres aufsehen zu entlarven, zu entfernen, und hernach Adelberten reuig und gebessert Augusten wieder zuzuführen.

Gabriele stritt lange und heftig mit unglaublichem Erstaunen für Adelberten, gegen die Beschuldigungen der Gräfin, ehe sie sich entschliessen konnte, solche als Wahrheit anzuerkennen, und selbst dann bemühte sie sich noch, sein Vergehen in gemildertem Lichte zu sehen. Weder sie, noch ihre Tante hatten die leiseste Ahnung davon, dass er in der Markise d'Aubincourt Herminien wieder gefunden habe; um so auffallender musste ihnen diese plötzlich entstandne leidenschaft erscheinen, aber auch um so leichter die Möglichkeit solche zu besiegen. Adelberts schleunige Entfernung von der gefährlichen Zauberin,