Gesellschaft. Die gelehrte Frau Meisterin, welche französisch und italienisch kann, von den Griechen und Römern zu reden weiss, und dabei vielleicht einmal den Festkuchen verbrennen liess, wie würde es ihr ergehen! wie müsste ihr selbst in diesen Umgebungen zu Mute werden! und welche Qual wäre es für sie, den ewig unbefriedigten Hang zum Höhern, zum geistig Schönen mit sich herum zu tragen, während sie den ganzen Tag arbeiten müsste, um ihr Hauswesen zu beschicken, und bei noch unerwachsenen Kindern selbst Nachts auf keine sicher ruhige Stunde rechnen könnte. Ihr Mann mag sie noch so herzlich lieben, er mag noch so gut und brav in seiner Art sein, er wird doch in geistiger Hinsicht immer tief unter ihr stehen, und oft gar nicht wissen, was sie meint, wenn sie von etwas anderm, als dem ganz Alltäglichen mit ihm zu sprechen versucht."
"So sehe ich denn keine Rettung für meine arme Annette, als dass sie immer bei mir bleibt," rief schmerzlich bewegt Gabriele. "Nichts hat je mein innigstes Mitleid mehr erregt," fuhr sie fort, "als wenn ich las, wie Jean Paul das vernähte, verwaschne, verkochte Leben der armen Weiber schildert, die nur einmal im sonnenhellen kurzen Tage der Liebe ihr Haupt erhoben, und dann mit beraubtem Herzen auf ewig in die Tiefe versinken. Ich hoffte, es könne in der Wirklichkeit anders sein, Sie, Ernesto, lehren mich das Gegenteil, ich traue Ihrem erfahrnen, weltklugen Sinn, aber ich möchte darüber weinen, dass der grösste teil meines Geschlechts so elend sein muss."
"Sie gehen in Ihrem Eifer wieder zu weit, gute Gabriele," sprach Ernesto, "gerade wie an jenem ersten Abend bei den Tableaus. Erinnern Sie sich noch, wie Sie um einiger unschuldig-boshafter Anmerkungen willen die ganze Gesellschaft für lauter maskirte Tigerkatzen ansahen? und doch haben Sie jetzt schon gefunden, dass ich Recht hatte, indem ich Sie versicherte, dass jene Leute wirklich so übel nicht sind, und dass sie, ihrer Lust am Medisiren unbeschadet, für Unglückliche nicht nur einen Dukaten in der Hand, sondern sogar eine Träne im Auge in Bereitschaft halten, wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu machen versteht. So wie damals die Verderbniss der Welt, so denken Sie sich jetzt das Unglück, sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu können, wieder viel zu gross. Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden, welche eine Handwerkers-Frau eben so gut empfindet als eine Gräfin, für gar nichts? für nichts das Gelingen in ihrem Hauswesen? die treuherzige, ehrliche Liebe eines guten, wenn gleich nicht geistig gebildeten Mannes? Selbst bei Ihrem Jean Paul können Sie des Trostes genug finden; gegen die eine Stelle, welche Sie anführten, will ich Ihnen zwanzig andere zeigen, wo er die Freuden dieser Frauen an schönen neuen Hauben und Kleidern, an festlichen Gastereien, an einem wohleingerichteten Hausstande eben so wahr schildert, als ihr mühseliges Alltagsleben. Rauben Sie Ihrer Annette nur nicht die Fähigkeit, an dem Glück sich genügen zu lassen, das ihrem stand gebührt. Entbehrt sie die Freuden höherer Bildung, so entgeht sie auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen, und es ist noch immer nicht entschieden, wohin die Wage sich neigt."
"Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen?" fragte Gabriele. "Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen," war Ernestos Antwort, "aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen, die sie nur dazu bringen könnten, sich über ihres gleichen zu erheben. Annette wird in Deutschland leben und sterben, und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen, so lehrt Not nicht nur beten sondern auch englisch und französisch. Lassen Sie ihr artiges Stimmchen mit den Waldvögeln um die Wette singen, aber wie diese, ohne Noten und ohne Guitarre, Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch ergötzen. Von Alexander dem Grossen und seines gleichen braucht sie vollends keine Sylbe zu wissen, um eine tätige, freundliche Hausfrau zu werden, deshalb kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen, das ihren literarischen Horizont nicht übersteigt, und wenn es sein muss bei Lafontaines rührenden Geschichten ihr bitter-süsses Tränchen weinen, obgleich ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen möchte."
"Aber Annette hat doch so viel Anlagen," wandte halb besiegt Gabriele ein.
"Sie ist auch hübsch und wohlgewachsen," erwiderte schnell Ernesto. "Wollen Sie sie deshalb in die kostbarsten, feinsten Stoffe kleiden, die eine schöne Gestalt am vorteilhaftesten bezeichnen? Liebe Gabriele!" fuhr er fort, "alle Welt schreit jetzt über den alles entnervenden äussern Luxus, in unsrer der höchsten Kraft bedürftigen Zeit, ich aber halte den geistigen Luxus für weit gefährlicher; mir graut weit mehr, wenn ich die Töchter unsrer wohlhabenden Handwerker in französische schulen, als wenn ich ihre Mütter in gestickten Kleidern gehen sehe. Schöne Kleider lassen sich allenfalls erwerben und bezahlen, wie aber setzt man ein durch halbes Wissen verdrehtes Köpfchen wieder zurechte?"
"Und doch redeten Sie noch gestern Abend bei der Tante allem Luxus gar sehr das Wort," wandte lächelnd Gabriele ein.
"Das tat ich und werde es immer tun," antwortete Ernesto, "aber nur bei denen, welche Zeit und Geld genug dazu haben. Alles, was wir zu besitzen streben, ohne es zu brauchen, ist Luxus