Einbildung lächelnd ausrief: Was denke ich weiter an ihn, er ist jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder. Aber in ihrem Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegenteil, und diese traf früher ein, als sie hoffen konnte, denn der Fremde war Ottokar. Ein ungeheures Lärmen im haus erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem neuen Aufentalt. Türen wurden auf- und zugeschlagen, Treppen und Vorsäle dröhnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker, es war ein Hämmern, ein Fluchen, ein Rufen und Schelten, als sei eine feindliche Armee eingerückt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in völligem Aufruhr.
Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getöse wie ein schüchternes Vögelchen in eine Ecke, bis die Stunde schlug, in der sie der Tante ihren Morgenbesuch abstatten musste. Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem wohlbekannten Herrn Lorenz, schwer belastet mit einem Korbe voll der auserlesensten Blumen. Seine Erscheinung freute sie, als ein Beweis, dass sie nicht irrte, indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gastofe wieder zu finden glaubte. Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geöffnete tür eines Zimmers erblickte, und dadurch die Gewissheit erhielt, mit ihm in Einem haus zu leben, ihn alle Tage zu sehen und zu hören, da bemächtigte sich ihrer ein freudig-ängstliches Gefühl. Es war ein Glück für sie, dass die Gräfin, zu beschäftigt mit Anordnungen für den Abend, Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und noch weniger ihr höchst befangnes Wesen. Kurz, aber freundlich entliess die Tante sie gleich in der ersten Minute, und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den Weg, sich zu Aurelien zu begeben, die sie in ihrem Zimmer finden würde, umringt von Freundinnen, welche heute mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten Geburtstage wetteiferten.
Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen, und ein Geschenk für die gefürchtete Kusine setzte sie in die höchste Verlegenheit. Sie eilte zurück in ihr Zimmer, ergriff ohne grosse Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat damit atemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers, in welchem Aurelia in frischer, einfacher Morgentracht, schön wie der junge Tag, vor einem grossen Tische stand, auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen köstliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand. Eine Schaar junger Mädchen half ihr alle die Geschenke bewundern, mustern und ordnen, mitten unter ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben. Die seltensten, schönsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen blüheten und dufteten an Wänden und Fenstern. Gabriele erkannte die Blüten auf den ersten blick für die nehmlichen, welche Lorenz vorhin an ihr vorüber trug.
Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend, rief Aurelie, als sie Gabrielen erblickte, und trat freundlich der Verlegnen entgegen, die es kaum wagen mochte, ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu zeigen. Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters, fuhr Aurelia fort, indem sie die Zeichnung besah; so nimmt sie sich vortrefflich aus, aber behüte mich der Himmel davor, sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen! Gemalt sind die alten Schlösser ganz allerliebst; auch auf dem Teater oder in Romanen mag ich sie wohl leiden, besonders wenn ganz erschrecklich wundersame begebenheiten sich darin zutragen, aber sitzt man selbst in solch einem alten Neste und lebt so allein fort, ohne etwas zu erleben, dann täte man besser, vor Graun und Langeweile zu sterben. Ich wundre mich wirklich, dass ich während der zwei Tage im Schloss Aarheim noch mit dem Leben davon kam. Es ist eine betrübte Existenz; danke Gott, liebes Kind, dass du ihr entronnen und bei uns bist, du wärst dort auch so eine Art von Käuzlein in den krausen alten Türmen geworden; Anlagen hast du dazu, sprach sie lächelnd, indem sie Gabrielen umarmte und sie dann allen ihren gegenwärtigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte.
Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr vorüber, ohne dass sie einen zu fassen vermochte, nur fiel es ihr auf, dass auch die Gräfin Eugenia sich unter den Glück wünschenden Freundinnen befand. Diese hier zu sehen, hätte sie nach der Scene des gestrigen Abends nicht erwartet, noch weniger in so anscheinend vertrautem verhältnis mit Aurelien. Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen sehr zuvorkommend freundlich; aber diese blieb verlegen, sie hasste sich selbst in diesem Moment wegen ihrer Unbehülflichkeit, die sie doch nicht abzuwerfen vermochte. Ihre Bänglichkeit stieg mit jeder Minute, denn sie sah, dass Ottokar ihre Zeichnung aufmerksam betrachtete; und als er nun vollends die geistreich kühne und dennoch vollendete Ausführung derselben lobte, und sich mit der Frage nach dem Namen des Künstlers an sie wendete, da konnte Gabriele vor gewaltigem Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort hören, dass sie selbst unter Anleitung ihrer Mutter sie gezeichnet habe. Er sprach noch einige lobende Worte und verliess bald darauf die Gesellschaft.
Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefühl an, als sei eine höchst wichtige Begebenheit vorgefallen, etwas ganz Unerhörtes geschehen, das sie der Einzigen kund tun müsse, die noch in der Welt teil an ihrem Schicksal nahm; und dennoch wusste sie nichts zu sagen, was sich nicht in der Erzählung höchst gewöhnlich ausgenommen hätte. Eine nie gefühlte Unruhe trieb sie rastlos umher. Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte, wenn sie sich errinnerte, wie jene von ihrem Aeussern und ihrem Betragen irre geführt,