1820_Hoffmann_040_96.txt

Also für jetzt kein Wort weiter davon! – Doch fortfahren will ich nun in meinem historischen Kapitel.

Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den Leib gerannt, so dass er lautlos niederstürzte, sprang ich fort mit der Schnellfüssigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hören und mich noch in Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen, aber die Dunkelheit der Nacht liess mich den Weg verfehlen. Schneller und schneller rannte ich fort, immer noch hoffend, mich zurechtzufinden. Ich durchwatete Feldgraben, ich erklimmte eine steile Anhöhe und sank endlich in einem Gebüsch vor Ermattung nieder. Es war, als blitze es dicht vor meinen Augen, ich fühlte einen stechenden Schmerz am Kopf und erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte stark geblutet, ich machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der dem geschicktesten Kompagnie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre gereicht haben würde, und schaute nun ganz froh und fröhlich umher. Unfern von mir stiegen die mächtigen Ruinen eines Schlosses empor. – Ihr merkt es, Meister, ich war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den Geierstein geraten.

Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fühlte mich frisch und leicht, ich trat heraus aus dem Gebüsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne stieg empor und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur wie fröhliche Morgengrüsse. Die Vögel erwachten in den Gebüschen und badeten sich zwitschernd im kühlen Morgentau und schwangen sich auf in die Lüfte. Noch in nächtliche Nebel gehüllt lag tief unter mir Sieghartshof, doch bald sanken die Schleier, und im flammenden Gold standen Bäume und Büsche. Der See des Parks glich einem blendend strahlenden Spiegel: ich unterschied das Fischerhäuschen wie einen kleinen weissen Punktsogar die brücke glaubte ich deutlich zu schauen. – Das Gestern trat auf mich ein, aber als sei es eine längst vergangene Zeit, aus der mir nichts geblieben, als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in demselben Augenblick die Brust zerreisst und mit süsser Wonne erfüllt, 'Haselant, was willst du denn eigentlich damit sagen, was hast du denn in dem längst vergangenen Gestern auf ewig verloren?' So ruft Ihr mich an, Meister, ich höre es. – Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin auf jene hervorragende Spitze des Geiersteinsnoch einmal breite ich die arme aus wie Adlersflügel, mich dort hinzuschwingen, wo ein süsser Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in Raum und Zeit bedingt, die ewig ist wie der Weltgeist, mir aufging in den ahnungsvollen Himmelstönen, die die dürstende sehnsucht selbst sind und das Verlangen! – Ich weiss es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des indischen Gerstenbrots halber, und fragt mich höhnisch, ob es möglich sei, dass ein Ton dunkelblaue Augen haben könne. Ich führe den bündigsten Beweis, dass der Ton eigentlich auch ein blick sei, der aus einer Lichtwelt durch zerrissene Wolkenschleier hinabstrahle; der Opponent geht aber weiter und frägt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen, nach Armen, Händen, Füssen und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln, dass ein blosser purer Ton mit diesem allem begabt sein könne. – O Gott, ich weiss, was der Schlingel meint, nämlich nichts weiter, als dass, solange ich ein glebae adscriptus sei, wie er und die übrigen, solange wir alle nicht bloss Sonnenstrahlen frässen und uns manchmal noch auf einen andern Stuhl setzen müssten als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen sehnsucht, die nichts will als sich selbst und von der jeder Narr zu schwatzen weissMeister! ich wünschte nicht, dass Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trätetes würde mir unangenehm sein. – Und sagt selbst, könnte Euch wohl eine einzige vernünftige Ursache dazu treiben? – hab' ich jemals Hang gezeigt zu trister Sekundanernarrheit? – Ja, hab' ich, zu reifen Jahren gekommen, mich nicht stets nüchtern zu erhalten gewusst, hab' ich etwa jemals gewünscht, ein Handschuh zu sein, bloss um Julias Wange zu küssen, wie Vetter Romeo? – Glaubt es nur, Meister, die Leute mögen auch sagen, was sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten und im Gemüt und Herzen die Klänge dazu, denn, alle Teufel! wie sollt ich sonst imstande sein, solche manierliche, bündige Kirchenstücke zu setzen, als die Vesper es ist, die da eben vollendet auf dem Pulte liegt. – Dochschon wieder war es um die Historie geschehenich erzähle weiter.

Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme, der sich immer mehr und mehr näherte. Bald gewahrte ich denn auch einen Benediktiner-Geistlichen, der, auf dem Fusssteig unterwärts fortwandelnd, einen lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem platz stand er still, hielt inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten Reisehut vom kopf nahm und sich mit einem Tuch den Schweiss von der Stirne trocknete, in der Gegend umher, dann verschwand er ins Gebüsch. Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu gesellen, der Mann war mehr als wohlgenährt, die Sonne brannte stärker und stärker, und so konnte' ich wohl denken, dass er ein Ruheplätzchen gesucht haben würde im Schatten. Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebüsch tretend, erblickte ich den ehrwürdigen Herrn, der sich auf einen