" rief Meister Abraham, "krrr – krrr," erwiderte der Kater sehr vernehmlich, dehnte – erhob sich, machte den ausserordentlichsten Katzenbuckel und öffnete ein Paar grasgrüne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem Feuer hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch Kreisler musste so viel einräumen, dass der Kater etwas Besonderes, Ungewöhnliches im Antlitz trage, dass sein Kopf hinlänglich dick, um die Wissenschaften zu fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiss und lang genug sei, um dem Kater gelegentlich die Autorität eines griechischen Weltweisen zu verschaffen.
"Wie kann man aber auch überall gleich schlafen," sprach Meister Abraham zum Kater, "du verlierst alle Heiterkeit darüber und wirst vor der Zeit ein grämliches Tier. Putz' dich fein, Murr!"
Sogleich setzte sich der Kater auf die Hinterfüsse, fuhr mit den Samtpfötchen sich zierlich über Stirn und Wangen und stiess dann ein klares freudiges Miau aus.
"Dies ist," fuhr Meister Abraham fort, "dies ist der Herr Kapellmeister Johannes Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst." Der Kater glotzte den Kapellmeister mit seinen grossen funkelnden Augen an, begann zu knurren, sprang auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne weiteres auf seine Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann setzte er wieder herab zur Erde und umkreiste schwänzelnd und knurrend den neuen Herrn, als wolle er recht Bekanntschaft mit ihm machen.
"Gott verzeih mir," rief Kreisler, "ich glaube gar, der kleine graue Kerl hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten Katers her!"
"So viel ist gewiss," erwiderte Meister Abraham, "dass der Kater Murr das possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell, und dabei artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen." –
"Indem ich", sprach Kreisler, "diesen klugen Kater betrachte, fällt es mir wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis gebannt ist. – Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das Geistesvermögen der Tiere geht! – Wenn uns etwas oder vielmehr alles in der natur unerforschlich bleibt, so sind wir gleich mit Namen bei der Hand und brüsten uns mit unserer albernen Schulweisheit, die eben nicht viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir denn auch das ganze geistige Vermögen der Tiere, das sich oft auf die wunderbarste Art äussert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich möchte aber nur die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der idee des Instinkts, des blinden willkürlosen Triebes, die Fähigkeit zu träumen vereinbar sei. Dass aber z.B. Hunde mit der grössten Lebhaftigkeit träumen, weiss jeder, der einen schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze Jagd aufgegangen. Er sucht, er schnuppert, er bewegt die Füsse, als sei er im vollen Rennen, er keucht, er schwitzt. – Von träumenden Katern weiss ich zurzeit nichts." –
"Der Kater Murr", unterbrach Meister Abraham den Freund, "träumt nicht allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken, häufig in jene sanfte Reverien, in das träumerische Hinbrüten, in das somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so, dass ich glauben muss, dass er entweder in Liebe ist oder an einer Tragödie arbeitet."
Kreisler lachte hell auf, indem er rief: "Nun so komm denn, du kluger, artiger, witziger, poetischer Kater Murr, lass uns –"
(M. f. f.) ersten Erziehung, meiner Jugendmonate überhaupt noch vieles anführen.
Es ist nämlich wohl höchst merkwürdig und lehrreich, wenn ein grosser Geist in einer Autobiographie über alles, was sich mit ihm in seiner Jugend begab, sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, recht umständlich sich auslässt. Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals Unbedeutendes begegnen? Alles, was er in seiner Knabenzeit unternahm oder nicht unternahm, ist von der höchsten Wichtigkeit und verbreitet helles Licht über den tiefern Sinn, über die eigentliche Tendenz seiner unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der Brust des strebenden Jünglings, den bange Zweifel quälen, ob die innere Kraft auch wohl genüge, wenn er lieset, dass der grosse Mann als Knabe auch Soldat spielte, sich in Naschwerk übernahm und zuweilen was weniges Schläge erhielt, weil er faul war, ungezogen und tölpisch. "Gerade wie ich, gerade wie ich," ruft der Jüngling begeistert aus und zweifelt nicht länger, dass auch er ein hoher Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.
Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und wurde ein grosser Held, mancher die Tragödiendichter der Alten in der Übersetzung und nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goete und Schiller und wurde, wo nicht ein grosser Dichter, doch ein kleiner allerliebster Versmacher, wie ihn die Leute ebenso gern haben. So werden meine Werke auch gewiss in der Brust manches jungen geist- und gemütreichen Katers das höhere Leben der Poesie entzünden, und nimmt denn der edle Katerjüngling meine biographischen Belustigungen auf dem dach vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des buches,