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dem dicksten Gebüsch, es ist dort eine Vertiefung, man versteht jedes Wort, was drinnen im Häuschen gesprochen wirdman könnte –" – "Bester, wenn Sie das tun wollten!" rief der Hofmarschall entzückt. – "Ich tue es," sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch als er aus dem Gebüsch hervortrat, stand der Fürst, der eben nach dem Schloss zurückkehrte, dicht vor ihm, so dass er ihn beinahe berührte. In scheuer Ehrfurcht prallte er zurück: "Vous êtes un grand Tölpel!" donnerte ihn der Fürst an, rief dem Hofmarschall ein kaltes "dormez bien!" zu und entfernte sich mit dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloss.

Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte: "FischerhäuschenMeister Abrahamdormez bien –" und beschloss, sogleich zu dem Kanzler, des Reichs zu fahren, um sich über die ausserordentliche Begebenheit zu beraten und womöglich die Konstellation herauszufinden, die am hof ob dieses Ereignisses sich erzeugen könne. –

Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet, in dem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier war er umgekehrt auf Geheiss des Fürsten, der nicht wollte, dass man ihn aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke. – Der geneigte Leser weiss, wie gut es dem Fürsten gelungen, seinen einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhäuschen zu verbergen. Aber noch eine person ausser dem Kammerdiener hatte den Fürsten, ohne dass er es ahnen konnte, belauscht.

Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner wohnung, als ihm ganz unvermutet aus den Gängen, die schon zu dunkeln begannen, die Rätin Benzon entgegentrat.

"Ha," rief die Benzon mit bittrem lachen, "der Fürst hat sich bei Euch Rats erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stütze des fürstlichen Hauses, dem Vater und dem Sohne lasst Ihr Eure Weisheit und Erfahrung zufliessen, und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben –" – "So," fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort, "so gibt es eine Rätin, die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist, das hier alles erleuchtet, und unter dessen Einfluss auch nur ein armer alter Orgelbauer bestehen und sein einfaches Leben ungestört durchfristen kann."

"Scherzt," sprach die Benzon, "scherzt nicht so bitter, Meister Abraham, ein Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann, unserm Horizont entfliehend, schnell verbleichen und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten Ereignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen in diesem einsamen Familienkreise, den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen mehr als eben darin wohnen, Hof zu nennen gewohnt sind. – Die schnelle Abreise des sehnlich erwarteten BräutigamsHedwigas bedrohlicher Zustand! – In der Tat, tief niederbeugen musste dies den Fürsten, wäre er nicht ein ganz gefühlloser Mann." –

"Nicht," unterbrach der Meister Abraham die Benzon, "nicht immer waren Sie dieser Meinung, Frau Rätin." –

"Ich verstehe Euch nicht," sprach die Benzon mit verächtlichem Ton, indem sie dem Meister einen stechenden blick zuwarf und dann schnell das Gesicht abwandte. –

Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham schenken, ja der geistigen Übermacht, die er ihm zugestehen musste, alle fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt und im Fischerhäuschen sein ganzes Herz ausgeschüttet, auf alle Äusserungen der Benzon über die verstörenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wusste der Meister, und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin auffallen, wiewohl er sich verwunderte, dass, kalt und in sich verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu verbergen vermachte.

Wohl musste es aber die Rätin tief schmerzen, dass sie das Monopol der Vormundschaft über den Fürsten, das sie sich angeeignet, aufs neue und zwar in einem kritischen, verhängnisvollen Augenblick gefährdet sah.

Aus Gründen, die sich vielleicht später klar entwikkeln dürften, war die Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin feurigster Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so musste sie glauben und jede Einmischung eines Dritten in diese Angelegenheit ihr bedrohlich erscheinen. Überdies sah sie sich zum erstenmal von unerklärlichen Geheimnissen umringt, zum erstenmal schwieg der Fürst; konnte sie, die gewohnt, das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu regieren, tiefer gekränkt werden?

Meister Abraham wusste, dass einem aufgeregten weib nichts besser entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe, er sprach daher kein Wörtchen, sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in tiefen Gedanken nach jener brücke wandte, die der geneigte Leser schon kennt. Sich auf das Geländer stützend, schaute die Rätin hinein in die fernen Büsche, denen die sinkende Sonne noch, wie zum Abschiede, goldene leuchtende Blicke zuwarf.

"Ein schöner Abend," sprach die Rätin, ohne sich umzuwenden. "Gewiss," erwiderte Meister Abraham, "gewiss, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes, unverstörtes Gemüt."

"Sie können," fuhr die Rätin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie sonst den Meister anredete, aufgebend, "Sie können, mein lieber Meister, es mir nicht verargen, dass ich mich schmerzhaft berührt fühlen muss, wenn der Fürst plötzlich nur Sie zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht in einer Angelegenheit, über die eigentlich die welterfahrene Frau besser zu raten, zu entscheiden weiss. Doch