eine Unschicklichkeit zu begehen, ebensowenig als ich glauben kann, dass irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlasst haben kann."
Damit entfernte sich die Fürstin und liess den Leibarzt stehen.
"Wunderliche," sprach dieser zu sich selbst, "wunderliche Frau, diese Fürstin! Gern möchte sie andere, ja sich selbst überreden, dass der Kitt, womit die natur Seel' und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt, etwas Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft verbraucht. – Man soll gar nicht daran denken, dass die Prinzessin ein Herz hat, so wie jener höfische Spanier, der das Geschenk von seidnen Strümpfen, das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen wollten, deshalb verschmähte, weil es unschicklich sei, daran zu erinnern, dass eine spanische Königin wirklich Füsse habe wie andere ehrliche Leute! – Und doch: zu wetten ist es, dass in dem Herzen, dem Laboratorio alles weiblichen Wehs, die Ursache des fürchterlichsten aller Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen." –
Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise, an der Prinzessin übermässige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche Art, wie sie sich (so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen haben sollte, und so schien es ihm gewiss, dass irgendein plötzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt. – Man wird sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht. Was die Fürstin betrifft, so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle Nachfrage, alles Forschen des Arztes für unschicklich halten, da der Hof überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstattaft verwirft und gemein. – Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz, aber das seltsam halb lächerliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein Zeichen des inneren Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen. Gelingen musst' es ihr daher, selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit dem Prinz und der Prinzessin begeben, zu verwinden und den stolz abzuweisen, der nichts wollte als helfen.
Während sich dies im schloss begab, ereignete sich auch im Park manches, was hier beizubringen ist.
In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog ein kleines goldnes Döschen aus der tasche, wischte, nachdem er eine Prise Tabak genommen, mit dem Rockärmel einigemal darüber weg, reichte es dem Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also: "Schätzenswerter Freund, ich weiss, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie gegenwärtiges Döschen als ein geringes Zeichen meines gnädigen Wohlwollens an, auf das Sie stets rechnen können. – Doch sagen Sie, Liebster, wie kam das mit dem seltsamen ungewöhnlichen Spaziergange?"
"Mich untertänigst zu bedanken," erwiderte der Leibkammerdiener, indem er die goldne Dose einsteckte. Dann räusperte er sich und fuhr fort: "Versichern kann ich, hochgebietende Exzellenz, dass unser gnädigster Herr sehr alarmiert sind seit dem Augenblick, als der gnädigsten Prinzessin Hedwiga, man weiss nicht wie, die fünf Sinne abhanden gekommen. Heute standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und trommelten mit den gnädigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf die Spiegelscheibe, dass es klirrte und krachte. Aber lauter hübsche Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein seliger Schwager, der Hoftrompeter, zu sagen pflegte. – Exzellenz wissen, mein seliger Schwager, der Hoftrompeter, war ein geschickter Mann, er brachte sein Flattergrob heraus wie ein Däuschen, seine Grobstimme, seine Faulstimme klang wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen betrifft" – "Alles," unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer, "alles weiss ich, mein Bester! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher Hoftrompeter, aber jetzt, was taten, was sprachen Durchlaucht, als sie die Märsche zu trommeln geruht hatten?"
"Taten, sprachen!" fuhr der Leibkammerdiener fort, "hm! – eben nicht viel. Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen Augen, zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut: 'François – François!' – 'Durchlaucht, ich bin schon hier', rief ich. Da sprachen aber der gnädigste Herr ganz zornig: 'Esel, warum sagt Er das nicht gleich!' Und darauf: 'Mein Promenadenkleid!' – Ich tat, wie mir geheissen. Durchlaucht geruhten den grünseidenen Überrock ohne Stern anzulegen und sich nach dem Park zu begehen. Sie verboten mir, Ihnen zu folgen, aber – hochgebietende Exzellenz, man muss doch wissen, wo sich der gnädigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglück – Nun! – ich folgte so ganz von weitem und gewahrte, dass der gnädigste Herr sich in das Fischerhäuschen begaben."
"Zum Meister Abraham!" – rief der Hofmarschall ganz verwundert. "So ist es," sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges geheimnisvolles Gesicht.
"Ins Fischerhäuschen," wiederholte der Hofmarschall, "ins Fischerhäuschen zum Meister Abraham! – Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhäuschen!" –
Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall weiter: "Und sonst äusserten Durchlaucht gar nichts?" – "Gar nichts," erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. "Doch," fuhr er schlau lächelnd fort, "ein Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach