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muss mich daher in der Tat glücklich schätzen –" Der Leibarzt stockte

"Ha," sprach die Fürstin mit bitterm Ton, "daran erkenne ich den praktischen Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur seine Kenntnis bereichert."

"Noch," fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der Fürstin zu beachten, "noch vor ganz kurzer Zeit fand ich in einem wissenschaftlichen buch das Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin verfallen. Eine Dame (so erzählt mein Autor) kam von Vesoul nach Besançon, um einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache, der Gedanke, dass der Verlust des Prozesses die letzte, höchste Stufe der empfindlichsten Widerwärtigkeiten, die sie erduldet, sein und sie in Not und Elend stürzen musste, erfüllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die bis zu einer Exaltation ihres ganzen Gemüts stieg. Sie brachte die Nächte schlaflos zu, ass wenig, man sah sie in der Kirche auf ungewöhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf verschiedene Art tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben Tage, da ihr Prozess entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die anwesenden Personen für einen Schlagfluss hielten. Die herbeigerufenen Ärzte fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gegen Himmel gerichteten funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern, mit erhobenen Armen und gefaltenen Händen. Ihr vorher trauriges bleiches Gesicht war blühender, heiterer, angenehmer als sonst, ihr Atemzug ungehindert und gleich, der Puls weich, langsam, ziemlich voll, beinahe wie bei einer ruhig schlafenden person. Ihre Glieder waren biegsam, leicht und liessen ohne den geringsten Widerstand sich in alle Stellungen bringen. Aber darin äusserte sich die Krankheit und die Unmöglichkeit irgendeiner Täuschung, dass die Glieder von selbst nicht aus der Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drückte ihr Kinn abwärts, der Mund öffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm, nachher den andern auf, sie fielen nicht abwärts, man bog sie ihr nach dem rücken hin, streckte sie hoch in die Höhe, so dass es jedem unmöglich gewesen sein würde, sich lange in dieser Stellung zu behaupten, und doch geschah es. Man mochte den Körper so sehr herabbeugen, als man wollte, immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht. Sie schien gänzlich ohne Empfindung, man rüttelte, kneipte, quälte sie, stellte ihr die Füsse auf ein heisses Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde ihren Prozess gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkürlichen Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch führte sie unzusammenhängende RedenEndlich –"

"Fahren Sie fort," sprach die Fürstin, als der Leibarzt innehielt, "fahren Sie fort, verschweigen Sie mir nichts, und sei es das Entsetzlichste! – Nicht wahr? – in Wahnsinn verfiel die Dame!"

"Es genügt," sprach der Leibarzt weiter, "es genügt, hinzuzufügen, dass ein sehr böser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, dass sie in Vesoul, wohin sie zurückkehrte, völlig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte." –

Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank, verbreitete sich der Leibarzt weitläuftig über die ärztlichen Mittel, die er anzuwenden gedenke, um der Prinzessin zu helfen, und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftliche Demonstrationen, als spräche er in einer ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren.

"Was," unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt, "was helfen alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das Heil, das Wohl des Geistes gefährdet?"

Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: "Gnädigste Frau, das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon zeigt, dass der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag. Man fing, als sie zu einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, dass man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozess als gewonnen darstellte. – Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber, dass eben irgendeine plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt. Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade, ja, ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für sich selbst abnorm nennen. Gewiss scheint es, dass irgendeine heftige Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muss die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu können! – Die schnelle Abreise des Prinzen HektorNun, gnädigste Frau, die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur."

Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: "Selbst die Bürgerfrau bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus erschliesst sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der Arzt sich nicht zählen darf!"

"Wie," rief der Leibarzt lebhaft, "wer vermag das leibliche Wohl so scharf zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will, zu fehlen. Denken Sie an die geschichte jenes kranken Prinzen, gnädigste Frau –"

"Genug!" unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, "genug! – Nie werde ich mich bewegen lassen,