im Moment der höchsten musikalischen Begeisterung, hatte Kreisler sie Du genannt. –
Als das Duett geendet, brach der Prinz, der schon während des Gesanges öfters brava, bravissima gerufen, aus in stürmischen Beifall. Er bedeckte Julias hände mit feurigen Küssen, er schwor, dass kein Gesang jemals so sein ganzes Wesen durchdrungen, und bat Julien, es zu verstatten, dass er einen Kuss auf die Himmelslippen drücke, über die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
Julia wich scheu zurück. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach: "Da Sie mir, Gnädigster, auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden wollen, das ich als Komponist und wackrer Sänger ebensogut verdient zu haben vermeine als fräulein Julia, so merke ich schon, dass ich mit meinen schwachen musikalischen Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber auch in der Malerei bin ich erfahren und werde die Ehre haben, Ihnen ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine person vorstellt, deren merkwürdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, dass ich alles jedem erzählen kann, der es nur hören will." – "Überlästiger Mensch!" murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kästchen aus der tasche, nahm ein kleines Bildnis heraus und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte hin, alles Blut schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine Lippen bebten, zwischen den Zähnen murmelnd: "Maledetto!" stürzte er fort.
"Was ist das?" rief Julia, zum tod erschrocken, "um aller Heiligen willen, was ist das, Kreisler – sagen Sie mir alles!"
"Tolles Zeug," erwiderte Kreisler, "lustige Streiche, Teufelsbannerei! sehen Sie, teures fräulein, wie der gütige Prinz mit den allerlängsten Schritten, deren seine gnädigsten Beine mächtig, über die brücke läuft. – Gott! er verleugnet ganz seine süsse idyllische natur, er schaut nicht einmal in den See, er verlangt nicht mehr, den Schwan zu füttern, der liebe gute – Teufel!"
"Kreisler," sprach Julia, "Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich ahne Unheil – was haben Sie mit dem Prinzen?"
Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die hände gefaltet, als wolle sie den guten Geist anflehen, dass er die Angst von ihr nehme, die ihr Tränen aus den Augen presste. "Nein," sprach Kreisler, "kein feindlicher Misston soll den Wohllaut des himmels verstören, der in deinem Gemüt wohnt, du frommes Kind! – In gleissnerischer Verkappung gehen die Geister der Hölle durch die Welt, aber sie haben keine Macht über dich, und du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen Tun und Treiben! – Sei'n Sie ruhig, Julia! – lassen Sie mich schweigen, es ist nun alles vorüber!" –
In dem Augenblick trat die Benzon hinein in grosser Bewegung. "Was ist geschehen," rief sie, "was ist geschehen? – Wie rasend stürzt der Prinz dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. dicht bei dem Schloss kommt ihm der Adjutant entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann gibt der Prinz, so glaubt' ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen wichtigen Auftrag, denn indem der Prinz in das Schloss schreitet, stürzt der Adjutant in grösster Eil' nach dem Pavillon, in dem er wohnt. – Der Gärtner sagte mir, du hättest mit dem Prinzen auf der brücke gestanden, da überfiel mich, selbst weiss ich nicht warum, die fürchterliche Ahnung irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben – ich eilte her, sagt, was ist geschehen?" – Julia erzählte alles. "Geheimnisse?" fragte die Benzon scharf, indem sie einen durchbohrenden blick auf Kreislern warf. "Beste Rätin," antwortete Kreisler, "es gibt Augenblicke – Lagen – Situationen vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muss, da er, sobald er es öffnet, nichts herausbringt als konfuses Zeug, das die vernünftigen Leute irritiert!" –
Dabei blieb es, unerachtet die Benzon verletzt schien durch Kreislers Schweigen.
Der Kapellmeister begleitete die Rätin mit Julien bis ans Schloss, dann begab er sich auf den Rückweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den Laubgängen des Parks verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus dem Pavillon und verfolgte denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald darauf fiel tief im wald ein Schuss!
In derselben Nacht verliess der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei dem Fürsten schriftlich beurlaubt und baldige Rückkehr versprochen. Als am andern Morgen der Gärtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte, fand er Kreislers Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war und blieb verschwunden. Man –
Zweiter Band
Dritter Abschnitt
Die Lehrmonate
Launisches Spiel des Zufalls
(M. f. f.) sehnsucht, heisses Verlangen erfüllt die Brust, aber hat man endlich das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so erstarrt jenes Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgültigkeit, und man wirft das errungene Gut von sich wie ein abgenutztes Spielzeug. Und kaum ist dies geschehen, so folgt bittre Reue der raschen Tat, man ringt aufs neue, und das Leben eilt dahin in Verlangen und Abscheu. – So ist einmal der Katz. – Richtig bezeichnet dieser Ausdruck mein Geschlecht, zu dem sich auch der hochmütige Löwe zählt, den