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brücke unweit des Fischerhäuschens stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebüsches und hatte einen tüchtigen Dollond vor den Augen, mit dem er scharf hinüberschaute durch die Sträucher, die ihn versteckten. Der Schwan plätscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab, die er begierig wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es, dass sie es nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plötzlich bei ihr stand, fuhr sie zusammen, wie im heftigen Schreck. Der Prinz fasste ihre Hand, drückte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich dann dicht neben Julien über das Geländer der brücke. Julia fütterte, indem der Prinz eifrig sprach, den Schwan, in den See hinabschauend. – "Schneide nicht solche infame süsse Gesichter, Potentat! Merkst du denn nicht, dass ich dicht vor dir auf dem Geländer sitze und dich erkecklich maulschellieren kann? – O Gott, warum färben sich deine Wangen in immer höherem Purpur, du holdes Himmelskind? – Warum blickst du jetzt den Bösen so seltsam an? – Du lächelst? – Ja, es ist der glühende Giftauch, vor dem sich deine Brust öffnen muss, wie vor dem sengenden Sonnenstrahl sich die Knospe in den schönsten Blättern entfaltet, um desto jäher hinzusterben!" – So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute Dollond ihm dicht herangerückt. – Der Prinz warf jetzt auch Brocken hinab, der Schwan verschmähte sie aber und brach in ein lautes widriges Geschrei aus. Nun schlang der Prinz den Arm um Julia und warf so die Brocken hinab, als solle der Schwan glauben, dass es Julia sei, die ihn füttere. Dabei berührte seine Wange beinahe die Wange Julias. – "Recht so," sprach Kreisler, "recht so, gnädigster Halunke, umkralle, würdiger Stossvogel, nur deine Beute recht fest, hier liegt aber einer im Busch, der schon auf dich zielt und sogleich dir deinen glänzenden Fittich lahm schiessen wird, und es steht denn erbärmlich mit dir und deiner Freijagd!"

Nun fasste der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen zu. dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebüsch, schritt auf das Paar zu und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bückte: "Ein herrlicher Abend, eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma darin, Sie müssen sich, gnädigster Herr, hier befinden wie in dem schönen Neapolis." – "Wer sind Sie, mein Herr?" fuhr ihn der Prinz barsch an. Doch in demselben Augenblick machte sich auch Julia los von seinem Arm, trat freundlich auf Kreislern zu, reichte ihm die Hand und sprach: "O wie herrlich, lieber Kreisler, dass Sie wieder da sind. Wissen Sie wohl, dass ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? – In der Tat, die Mutter schilt, dass ich mich gebärde wie ein weinerliches ungezogenes Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich könnte krank werden vor Verdruss, wenn ich glaube, dass Sie mich, meinen Gesang aus der Acht lassen." – "Ha," rief der Prinz, giftige Blicke schiessend auf Julien, auf Kreislern, "ha, Sie sind Monsieur de Krösel. Der Fürst sprach sehr günstig von Ihnen!" – "Gesegnet," sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in hundert Falten und Fältchen seltsam vibrierte, "gesegnet sei der gute Herr dafür, denn so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten, warum ich Sie, gnädigster Prinz, anflehen wollte, nämlich Ihre angenehme Protektion. – Ich habe die kühne Ahnung, dass Sie mir auf den ersten blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im Vorübergehen aus höchst eigner Bewegung mich zum Hasenfuss zu kreiren geruhten, und da nun Hasenfüsse zu allem nur Ersinnlichen taugen, so" – "Sie sind," unterbrach ihn der Prinz, "Sie sind ein spasshafter Mann –" – "Ganz und gar nicht," fuhr Kreisler fort, "ich liebe zwar den Spass, aber nur den schlechten, und der ist nun wieder nicht spasshaft. Gegenwärtig wollt' ich gern nach Neapel gehen und beim Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben ad usum delphini. Sie sind, bester Prinz, ein gütiger kunstliebender Herr, sollten Sie mir vielleicht durch einige Empfehlungen –" – "Sie sind," unterbrach ihn der Prinz aufs neue, "Sie sind ein spasshafter Mann, Monsieur de Krösel, ich liebe das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt mag ich Sie in Ihrem Spaziergange nicht aufhaltenAdieu!" – "Nein, gnädigster Herr," rief Kreisler, "ich kann die gelegenheit nicht vorüberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lüster zu zeigen. Sie wollten in das Fischerhäuschen treten, dort steht ein kleines Pianoforte, fräulein Julia ist gewiss so gütig, mit mir ein Duett zu singen!" – "Mit tausend Freuden," rief Julia und hing sich an Kreislers Arm. Der Prinz biss die Zähne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen flüsterte Julia Kreislern ins Ohr: "Kreisler! welche seltsame Stimmung?" – "O Gott," erwiderte Kreisler ebenso leise, "o Gott, und du liegst eingelullt in betörenden Träumen, wenn die Schlange sich naht, dich zu töten mit giftigem Biss?" – Julia blickte ihn an im tiefsten Erstaunen. Nur ein einziges Mal,