wie das ferne Lied so tröstend zu uns herüberhallt! Wir haben gebetet, und aus den goldnen Wolken sprechen fromme Geister zu uns herab von himmlischer Seligkeit." – "Ja, meine Julia," erwiderte die Prinzessin ernst und fest, "ja, meine Julia, über den Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte, dass ein Engel des himmels mich hinauftrüge zu den Sternen, ehe mich die finstre Macht erfasste. Ich möchte wohl sterben, aber ich weiss es, dann trügen sie mich in die fürstliche Gruft, und die Ahnherrn, die dort begraben, würden es nicht glauben, dass ich gestorben bin, und erwachen aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben und mich hinaustreiben. Dann gehörte ich ja aber weder den Toten an noch den Lebendigen und fände nirgends Obdach."
"Was sprichst du, Hedwiga, um aller Heiligen willen; was sprichst du?" rief Julie erschrocken.
"Mir hat," fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe gleichgültigen Ton beharrend, "mir hat dergleichen einmal geträumt. Es kann aber auch sein, dass ein bedrohlicher Ahnherr im grab zum Vampir geworden, der mir nun das Blut aussaugt. Davon mögen meine häufigen Ohnmachten herrühren."
"Du bist krank," rief Julia, "du bist sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft schadet dir, lass uns forteilen."
Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortführen liess.
Der Mond war nun hoch heraufgestiegen über den Geierstein, und in magischer Beleuchtung standen die Büsche, die Bäume und flüsterten und rauschten, mit dem Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.
"Es ist doch schön," sprach Julie, "o es ist doch schön auf der Erde, beut uns die natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute Mutter ihren lieben Kindern?" – "Meinst du?" erwiderte die Prinzessin und fuhr dann nach einer Weile fort: "Ich wollte nicht, dass du mich erst ganz verstanden hättest, und bitte, alles nur für den Erguss einer bösen Stimmung zu halten. – Du kennst noch nicht den vernichtenden Schmerz des Lebens. Die natur ist grausam, sie hegt und pflegt nur die gesunden Kinder, die kranken verlässt sie, ja richtet bedrohliche Waffen gegen ihr Dasein. – Ha! du weisst, dass mir sonst die natur nichts war als eine Bildergalerie, hingestellt, um die Kräfte des Geistes und der Hand zu üben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fühle, nichts ahne, als ihr Entsetzen. Ich möchte lieber in erleuchteten Sälen zwischen bunter Gesellschaft wandeln, als einsam mit dir in dieser mondhellen Nacht." –
Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer schwächer, erschöpfter wurde, so dass die arme all ihre geringe Kraft anwenden musste, um sie im Gehen aufrecht zu erhalten.
Endlich hatten sie das Schloss erreicht. Unfern desselben, auf der steinernen Bank, die unter einem Holunderbusch stand, sass eine finstre verhüllte Gestalt. Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll Freude: "Dank der Jungfrau und allen Heiligen, da ist sie!" und ging, plötzlich erkräftigt und sich von Julien losmachend, auf die Gestalt los, die sich erhob und mit dumpfer stimme sprach: "Hedwiga, mein armes Kind!" – Julia gewahrte, dass die Gestalt eine von Kopf bis zu Fuss in braune Gewänder gehüllte Frau war, die tiefen Schatten liessen die Züge ihres Gesichts nicht erkennen. Von inneren Schauern durchbebt, blieb Julia stehen.
Beide, die Frau und die Prinzessin, liessen sich auf die Bank nieder. Die Frau strich ihr sanft die Haarlokken von der Stirne, legte dann die hände darauf und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie sich nicht erinnern konnte, jemals gehört zu haben. Nachdem dies einige Minuten gewährt, rief die Frau Julien zu: "Mädchen, eile nach dem Schloss, rufe die Kammerfrauen, sorge, dass man die Prinzessin hineinschaffe. Sie ist in sanften Schlaf gesunken, von dem sie gesund und froh erwachen wird."
Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell, wie ihr geheissen.
Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in ihren Shawl eingehüllt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war verschwunden.
"Sage mir," sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen erwacht und keine Spur innerer Zerrüttung sich zeigte, was Julie befürchtet, "sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?"
"Ich weiss es nicht," erwiderte die Prinzessin, "ein einziges Mal in meinem Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst dich, wie ich einmal, noch ein Kind, in eine tödliche Krankheit verfallen, so dass die Ärzte mich aufgaben. Da sass sie in einer Nacht plötzlich an meinem Bette und lullte mich, wie heute, ein in süssen Schlummer, von dem ich ganz genesen erwachte. – In der gestrigen Nacht trat zum erstenmal das Bild dieser Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als müsse sie mir wieder erscheinen und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben. – Tu es mir zuliebe und schweige ganz von der Erscheinung, lass dir auch nichts merken durch Wort oder Zeichen, dass uns etwas Wunderbares begegnet. Denke an den Hamlet und sei mein lieber Horatio! – Es ist gewiss, dass es