rief: "Das ist meine liebe, liebe Schwester, meine herrliche süsse Julia!" als der Prinz, etwas betroffen über Hedwigas Flucht, hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen seltsamen blick auf Julien, so dass diese, über und über errötend, die Augen niederschlug und sich scheu zur Mutter wandte, die hinter ihr stand. Aber die Prinzessin umarmte sie aufs neue und rief: "Meine liebe, liebe Julia" und dabei traten ihr die Tränen in die Augen. "Prinzessin," sprach die Benzon leise, "Prinzessin, warum dieses krampfhafte Benehmen?" Die Prinzessin, ohne die Benzon zu beachten, drehte sich zu dem Prinzen, dem wirklich über alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie erst still, ernst, missmutig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in seltsamer krampfhafter Lustigkeit. Endlich liessen die stark gespannten saiten nach, und die Melodieen, die nun aus ihrem inneren heraustönten, waren weicher, milder, jungfräulich zarter. Sie war liebenswürdiger als jemals, und der Prinz schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann der Tanz. Der Prinz, nachdem mehrere Tänze gewechselt, erbot sich, einen neapolitanischen Nationaltanz anzuführen, und es gelang ihm bald, den Tanzenden die volle idee davon zu geben, so dass sich alles gar artig fügte und selbst der leidenschaftlich zärtliche Charakter des Tanzes gut hervortrat.
Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen als Hedwiga, die mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der Tanz zum zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die auf ihren Wangen schon die verdächtige Blässe wahrnahm, nicht achtend, darauf, zum drittenmal den Tanz auszuführen, der ihr nun erst recht gelingen werde. Der Prinz war entzückt. Er schwebte hin mit Hedwiga, die in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei einer der vielen Verschlingungen, die der Tanz gebot, drückte der Prinz die Holde stürmisch an die Brust, aber in demselben Augenblick sank auch Hedwiga entseelt in seinen Armen zusammen. –
Der Fürst meinte, eine unschicklichere Störung eines Hofballs könne es nicht geben, und nur das Land entschuldige vieles. –
Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmächtige in ein benachbartes Zimmer auf ein Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem starken wasser, das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklärte übrigens die Ohnmacht für einen Nervenzufall, den die Erhitzung des Tanzes veranlasst, und der sehr bald vorübergehen werde.
Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die Prinzessin habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen, von dem sie umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter an, dass er allein schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz durchschneide. Sowie die Prinzessin ihn aber erblickte, rief sie mit allen Zeichen des Abscheues: "Fort, fort!" und sank aufs neue in Ohnmacht.
"Kommen Sie," sprach der Fürst, indem er den Prinzen bei der Hand erfasste, "kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, dass die Prinzessin oft an den seltsamsten Reverien leidet. Weiss der Himmel, auf welche sonderbare Weise Sie ihr in diesem Augenblick erschienen sind! – Imaginieren Sie sich, bester Prinz, schon als Kind – entre nous soit dit – schon als Kind hielt mich einmal die Prinzessin einen ganzen Tag hindurch für den Grossmogul und prätendierte, ich solle in Samtpantoffeln ausreiten, wozu ich mich auch endlich entschloss, wiewohl nur im Garten."
Prinz Hektor lachte dem Fürsten ohne Umstände ins Gesicht und rief nach dem Wagen.
Die Benzon musste, so wollt' es die Fürstin aus Besorgnis für Hedwiga, mit Julien im schloss bleiben. Sie wusste, welche psychische Macht sonst die Benzon über die Prinzessin übte, und ebenso, dass dieser psychischen Macht auch Krankheitszufälle der Art zu weichen pflegten. In der Tat geschah es auch diesmal, dass Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte, als die Benzon ihr unermüdlich zugeredet mit sanften Worten. Die Prinzessin behauptete nichts Geringeres, als dass im Tanzen der Prinz sich in ein drachenartiges Ungeheuer verwandelt und mit spitzer glühender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben habe. "Gott behüte," rief die Benzon, "am Ende ist Prinz Hektor gar das mostro turchino aus der Gozzischen Fabel! – Welche Einbildungen, zuletzt wird es sich so begehen wie mit Kreisler, den Sie für einen bedrohlichen Wahnsinnigen hielten!" – "Nimmermehr," rief die Prinzessin heftig und setzte dann lachend hinzu, "wahrhaftig, ich wollte nicht, dass mein guter Kreisler sich so plötzlich in das mostro turchino verwandelte wie Prinz Hektor!" –
Als am frühsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblasst, übernächtig, das Köpfchen gehängt wie eine kranke Taube. "Was ist dir, Julie?" rief ihr die Benzon, die nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen, erschrocken entgegen. "Ach, Mutter," sprach Julie ganz trostlos, "ach, Mutter, niemals mehr in diese Umgebungen, mein Herz erbebt, wenn ich an die gestrige Nacht denke. – Es ist etwas Entsetzliches in diesem Prinzen; als er mich anblickte, ich kann dir's nicht beschreiben, was in meinem inneren vorging. – Ein Blitzstrahl