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schon hündische Prosaiker bloss durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was muss erst wirklichen Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? – Nun! weder im rauschenden wald sass ich, noch an flüsternder Quelle, ich sass auf einem kahlen hohen dach, das bisschen Mondschein war kaum zu rechnen, und doch flehte ich in jenen meisterhaften Versen Wälder und Quellen und Wellen und zuletzt meinen Freund Ovid an, mir zu helfen, mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es mir, Reime zu den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewöhnlichen, Vater, wusste ich selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Dass ich aber wirklich Reime fand, bewies mir aufs neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt, weshalb, wie schon irgendein Witzbold von Teaterdichter bemerkt hat, der Mensch ein ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes. – Nicht vergebens hatte ich die Töne der schmerzhaften sehnsucht angeschlagen, nicht vergebens Wälder, Quellen, den Mondschein beschworen, mir die Dame meiner Gedanken zuzuführen, hinter dem Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten anmutigen Schritten. "Bist du es, lieber Murr, der so schön singt?" So rief mir Miesmies entgegen. "Wie," erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, "wie, du kennst mich, süsses Wesen?" – "Ach," sprach sie, "ach, ja wohl, du gefielst mir gleich beim ersten blick, und es hat mir in der Seele weh getan, dass meine beiden unartigen Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse" – "Schweigen wir," unterbrach ich sie, "schweigen wir von der Gosse, bestes Kind – o sage mir, sage mir, ob du mich liebst?" – "Ich habe mich," sprach Miesmies weiter, "nach deinen Verhältnissen erkundigt und erfahren, dass du Murr hiessest und bei einem sehr gütigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hättest, sondern auch alle Bequemlichkeiten des Lebens genössest, ja, diese wohl mit einer zärtlichen Gattin teilen könntest! – o, ich liebe dich sehr, guter Murr!" – "Himmel," rief ich im höchsten Entzücken, "Himmel, ist es möglich, ist es Traum, ist es Wahrheit? – O halte dichhalte dich, Verstand, schnappe nicht über! – Ha! bin ich noch auf der Erde? – Sitze ich noch auf dem dach? – Schwebe ich nicht in den Wolken? Bin ich noch der Kater Murr? Bin ich nicht der Mann im mond? – Komm an meinen Busen, Geliebtedoch sage mir erst deinen Namen, Schönste." – "Ich heisse Miesmies," erwiderte die Kleine, süss lispelnd in holder Verschämteit, und setzte sich traulich neben mir hin. Wie schön sie war! Silbern glänzte ihr weisser Pelz im Mondschein, in sanftem schmachtendem Feuer funkelten die grünen Äuglein. "Du –"

(Mak. Bl.) – hättest, geliebter Leser, das freilich schon etwas früher erfahren können, aber der Himmel gebe, dass ich nicht noch mehr querfeldein springen muss, als es bis jetzt schon geschehen. – Also, wie gesagt, dem Vater des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem Fürsten Irenäus, er hatte, selbst wusste er nicht wie, sein Ländlein aus der tasche verloren. Prinz Hektor, der zu nichts wenigerem aufgelegt, als zum stillen, friedlichen Leben, der, unerachtet ihm der Fürstenstuhl unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht stehen und, statt zu regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm französische Dienste, war ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zitermädel anplärrte: "Kennst du das Land, wo die Zitronen glühn," sofort nach dem land, wo dergleichen Zitronen wirklich glühn, das heisst nach Neapel, und zog statt der französischen Uniform eine neapolitanische an. Er wurde nämlich so geschwinde General, wie es nur irgendeinem Prinzen geschehen kann. – Als der Vater des Prinzen Hektor gestorben, schlug Fürst Irenäus das grosse Buch auf, worin er selbst sämtliche fürstliche Häupter in Europa verzeichnet, und notierte den erfolgten Tod seines fürstlichen Freundes und gefährten im Malheur. Nachdem dies geschehen, schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr laut: "Prinz Hektor!" und klappte den Folianten so heftig zu, dass der Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurückprallte. Nun stand der Fürst auf, ging langsam im Zimmer auf und ab und schnupfte so viel Spaniol als nötig, um eine ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der Hofmarschall sprach viel von dem seligen Herrn, der nächst vielen Reichtümern ein aimables Herz besessen, vom jungen Prinzen Hektor, der vergöttert werde in Neapel von dem Monarchen und der Nation u.s.w. Fürst Irenäus schien das alles nicht zu beachten, er blieb plötzlich dicht vor dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem entsetzlichen Friedrichsblick, sprach sehr stark: "Peut-être" und verschwand in das Nebenkabinett.

"Gott," sprach der Hofmarschall, "der gnädigste Fürst haben gewiss die konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Pläne."

Es war dem so. – Fürst Irenäus dachte an den Reichtum des Prinzen, an seine Verwandtschaft mit mächtigen Häuptern, er rief sich die Überzeugung ins Gedächtnis, dass Prinz Hektor gewiss noch den Degen mit dem Zepter vertauschen werde, und ihm kam der Gedanke, dass die Vermählung