, wo er sie gefunden, ein hübsches neues Röcklein kaufte und sie überdies mit Zuckerwerk fütterte. – Es ist gewiss, dass Severino damals eben das Kunststück mit dem unsichtbaren Mädchen im Kopf hatte und in der kleinen Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu übernehmen. Neben einer sorgfältigen Erziehung suchte er auf ihren Organism, der zu einem erhöhten Zustande besonders geeignet, zu wirken. Er brachte diesen erhöhten Zustand, in dem ein prophetischer Geist in dem Mädchen aufglühte, durch künstliche Mittel hervor, – denkt an Mesmer und seine furchtbaren Operationen – und versetzte sie jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein unglückliches Ungefähr liess ihn wahrnehmen, dass die Kleine nach empfundenem Schmerz vorzüglich reizbar war, und dass dann ihre Gabe, das fremde Ich zu durchschauen, bis zum Unglaublichen stieg, so dass sie ganz vergeistigt schien. Und nun geisselte sie der entsetzliche Mensch jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des höhern Wissens versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, dass Chiara, die Ärmste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich zusammenkrümmen musste in jenem Verschlag, damit, dränge selbst jemand in das Kabinett, doch Chiaras Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso machte sie die Reisen mit Severino in jenem Kasten. Unglücklicher, fürchterlicher war Chiaras Schicksal als das jenes Zwerges, den der bekannte Kempelen mit sich führte, und der, in dem Türken versteckt, Schach spielen musste. – Ich fand in Severinos Pult eine namhafte Summe in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch ein gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heisst die akustischen Vorrichtungen im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie manches andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach Severinos deutlich ausgesprochenem Vermächtnis manches Geheimnis aus seinem Nachlass mir zu eigen machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der kleinen Chiara, die die Wirtsleute halten wollten wie ihr liebes Kindlein, den wehmütigsten Abschied und verliess den Ort. – Ein Jahr war vergangen, ich wollte zurück nach Göniönesmühl, wo der Hochlöbliche Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben die Macht, meine Börse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu stehlen und mich so zu zwingen, noch als berühmter, mit vielen Attesten und Konzessionen versehener Mechaniker Künste zu machen des nötigen Proviants halber. – Das geschah an einem Örtchen unfern Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und hämmere und feile an einem Zauberkästchen, da geht die tür auf, ein weibliches Wesen tritt herein, ruft: 'Nein, ich konnte es nicht länger ertragen, ich musste Euch nach, Herr Liscov – ich wäre gestorben vor sehnsucht! – Ihr seid mein Herr, gebietet über mich!' – stürzt auf mich zu, will mir zu Füssen fallen, ich fange sie auf in meinen Armen – es ist Chiara! – Kaum erkenne ich das Mädchen, wohl einen Fuss höher, stärker ist sie geworden, ohne dass das den zartesten Formen ihres Wuchses geschadet! – 'Liebe süsse Chiara!' rief ich tiefbewegt und drückte sie an meine Brust! 'Nicht wahr', spricht nun Chiara, 'Ihr leidet mich bei Euch, Herr Liscov, Ihr verstosset nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu verdanken hat?' – Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein Postknecht hineinschiebt, drückt dem Kerl so viel Geld in die Hand, dass er, mit einem grossen Katzensprung zur tür hinaus, laut ruft: 'Ei der Daus, das liebe Mohrenkind', öffnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir es, sprechend: 'Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachlass, das Ihr vergessen', fängt an, während ich das Buch aufschlage, ganz getrost Kleider und Wäsche auszupacken – Ihr möget denken, Kreisler, dass mich die kleine Chiara in nicht geringe Verlogenheit setzte; aber – nun ist es Zeit, Kerl, dass du auf mich was halten lernst, da du, weil ich dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen und ihm hölzerne mit saubrer Malerei hinhängen oder ihm gedüngtes Pomeranzenwasser hinstellen in der Giesskanne, womit er die auf dem Rasen zum Bleichen ausgespannten weissen Kanevashosen begoss und einen schönen Marmor herausbrachte ohne Mühe, – kurz, weil ich dich zu tollen Narrenstreichen anführte, da du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts anderm machtest, als zu einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz, oder wenigstens die Hanswurstjacke so dick darübergelegt hatte, dass er nichts von seinen Schlägen spürte! – Brüste dich nicht, Mensch, mit deiner Empfindsamkeit, mit deinen Tränen, denn siehe, schon wieder muss ich, so wie du es nur zu oft tust, niederträchtig flennen, aber der Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen Alter jungen Leuten das Innere aufschliessen soll wie eine Chambre garnie." – Meister Abraham trat ans Fenster und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter war vorüber, im Säuseln des Waldes hörte man die einzelnen Tropfen fallen, die der Nachtwind hinabschüttelte. Von fern her aus dem schloss ertönte lustige Tanzmusik. "Prinz Hektor," sprach Meister Abraham, "Prinz Hektor eröffnet die Partie à la Chasse mit einigen Sprüngen, glaube' ich" –