Phänomens, sondern auch die ins Herz dringende, das Innerste erfassende Geisterstimme der Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte Weissagungsgabe verschaffte dem Künstler unendlichen Zulauf. Ich drängte mich an ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen Kunststücken, er verachtete aber, wiewohl im andern Sinn, als Ihr es tut, Kreisler, all mein Wissen und bestand darauf, ich sollte ihm eine Wasserorgel bauen zu seinem häuslichen Gebrauch, unerachtet ich ihm bewies, dass, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu Göttingen in seinem Traktat: 'De veterum Hydraulo' versichre, an einem solchen Hydraulos gar nichts sei und nichts erspart werde als einige Pfund Luft, die man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch überall umsonst haben könne. Endlich beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Töne eines solchen Instruments, um der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle mir das Geheimnis entdecken, wenn ich auf das Sakrament schwöre, es weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu entdecken, wiewohl er glaube, dass es nicht leicht möglich sein werde, sein Kunstwerk nachzuahmen ohne – hier stockte er und machte ein geheimnisvoll süsses Gesicht, wie weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzükkungen zu Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich die Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir sein Zutrauen, – gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand leistete in seinen arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino gehen, war das Volk auf der Strasse zusammengelaufen. Man sagte mir, ein anständig gekleideter Mann sei ohnmächtig zu Boden gefallen. Ich drängte mich durch und erkannte Severino, den man eben aufhob und ins nächste Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen, nahm sich seiner an. Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der blick, mit dem er unter den krampfhaft zusammengezogenen Augenbraunen mich anstarrte, war furchtbar, alle Schrecken des Todeskampfs glühten darin in düstrem Feuer. Seine Lippen bebten, er versuchte zu reden und vermocht's nicht. Endlich schlug er einigemal heftig mit der Hand auf die Westentasche. Ich fasste hinein und zog einige Schlüssel hervor: 'Das sind die Schlüssel Eurer wohnung', sprach ich, er nickte mit dem kopf: 'Das ist', fuhr ich fort, indem ich ihm einen von den Schlüsseln vor Augen hielt, 'das ist der Schlüssel zu dem Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet'. Er nickte aufs neue. Als ich aber weiterfragen wollte, begann er wie in fürchterlicher Angst zu ächzen und zu stöhnen, kalte Schweisstropfen standen ihm auf der Stirne, er breitete die arme aus und bog sie im Zirkel zusammen, wie wenn man etwas umfasst, und wies auf mich: 'Er will', sprach der Arzt, 'dass Sie seine Sachen, seine Apparate in Sicherheit bringen, vielleicht, stirbt er, behalten sollen?' Severino nickte stärker mit dem kopf, schrie endlich: 'Corre!' und sank aufs neue ohnmächtig zurück. Schnell eilte ich nun nach Severinos wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend, öffnete ich das Kabinett, in dem die geheimnisvolle Unsichtbare verschlossen sein musste, und erstaunte nicht wenig, als ich es ganz leer fand. Das einzige Fenster war dicht verhängt, so dass das Licht nur hineindämmerte, und ein grosser Spiegel hing an der Wand, der tür des Zimmers gegenüber. Sowie ich zufällig vor diesen Spiegel trat und meine Gestalt im schwachen Schimmer erblickte, durchströmte mich ein seltsames Gefühl, als befände ich mich auf dem Isolierstuhl einer Elektrisiermaschine. In demselben Augenblick sprach die stimme des unsichtbaren Mädchens auf italienisch: 'Verschont mich nur heute, Vater! – Geisselt mich nicht so grausam, Ihr seid ja doch nun gestorben!' – Schnell öffnete ich die tür des Zimmers, so, dass das volle Licht hineinströmte, aber keine lebendige Seele konnte' ich erblicken: 'Es ist gut', sprach die stimme: 'es ist gut, Vater, dass Ihr Herrn Liscov geschickt habt, aber der lässt es nicht mehr zu, dass Ihr mich geisselt, er zerbricht den Magnet, und Ihr könnt nicht mehr aus dem grab heraus, in das er Euch legen lässt, Ihr möget Euch sträuben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein Verstorbner und gehört nicht mehr dem Leben.' Ihr könnt wohl denken, Kreisler, dass mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und die stimme doch dicht vor meinen Ohren schwebte. 'Teufel', sprach ich laut, um mich zu ermutigen: 'säh' ich nur irgendwo ein lumpiges Fläschlein, so würde' ich es zerschmeissen, und der diable boiteux stünde, seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so –' Nun kam es mir plötzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das Kabinett wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand und mir viel zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch ich springe hin, öffne den Schieber, und zusammengekrümmt, wie ein Wurm, liegt ein Mädchen darin, starrt mich an mit grossen, wunderbar schönen Augen, streckt endlich mir den Arm entgegen, als ich rufe: 'Komm heraus, mein Lämmchen, komm heraus, meine kleine Unsichtbare!' – Ich fasse endlich die Hand, die sie emporhält