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Phantasten, den vollendeten Geisterseher! – Was den Organisten betrifft, der Euch draussen in dem Park schauerliche Chorale vorgespielt hat, so ist das niemand anders gewesen als der Nachtwind, der durch die Lüfte brausend daherfuhr, und vor dem die saiten der Wetterharfe erklangen. Ja ja, Kreisler, die Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden Pavillons am Ende des Parks aufgespannt ist3. Und was Euern Doppeltgänger betrifft, der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch herlief, so will ich Euch sogleich beweisen, dass, sobald ich nur vor die Tür trete, auch mein Doppeltgänger bei der Hand ist, ja, dass ein jeder, der zu mir hineintritt, solch einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite leiden muss."

Meister Abraham trat vor die tür, und sogleich stand in dem Schimmer ein zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.

Kreisler merkte die wirkung eines verborgenen Hohlspiegels und ärgerte sich wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu wasser gemacht wird. Dem Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die natürliche Aufklärung dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will sich durchaus nicht mit dieser Welt abfinden lassen; er verlangt etwas zu sehen aus einer andern, die des Körpers nicht bedarf, um sich ihm zu offenbaren.

"Ich kann," sprach Kreisler, "ich kann nun einmal, Meister, Euren seltsamen Hang zu solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr präpariert das Wunderbare, wie ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien und meint, dass die Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer, flau geworden, irritiert werden müssen durch solches Unwesen. Nichts ist abgeschmackter, als wenn man bei solchen vermaledeiten Kunststückchen, die einem die Brust zusammenschnüren, dahinterkommt, dass alles natürlich zugegangen."

"natürlich! – natürlich," rief Meister Abraham, "als ein Mann von ziemlichem verstand solltet Ihr doch einsehen, dass nichts in der Welt natürlich zugeht, gar nichts! – Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister, dass deshalb, weil wir mit uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte wirkung hervorzubringen vermögen, uns die aus dem geheimnisvollen Organism strömende Ursache der wirkung klar vor Augen liegt? – Ihr habt doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststücken gehabt, unerachtet Ihr die Krone davon niemals schautet." – "Ihr meint das unsichtbare Mädchen," sprach Kreisler.

"Allerdings," fuhr der Meister fort, "eben dieses Kunststückes ist wohl mehr als daswürde Euch bewiesen haben, dass die gemeinste, am leichtesten zu berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten Wundern der natur in Beziehung treten und dann Wirkungen hervorbringen kann, die unerklärlich, – selbst dies Wort im gewöhnlichen Sinn genommen, bleiben müssen." – "Hm," sprach Kreisler, "wenn Ihr nach der bekannten Teorie des Schalls verfuhret, den Apparat geschickt zu verbergen wusstet und ein schlaues gewandtes Wesen an der Hand hattet –"

"O Chiara!" rief Meister Abraham, indem Tränen in seinen Augen perlten, "o Chiara, mein süsses liebes Kind!"

Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser denn von jeher keiner wehmütigen Empfindung Raum geben wollte, sondern dergleichen wegzuspotten pflegte.

"Was ist das mit der Chiara?" fragte der Kapellmeister.

"Es ist wohl dumm," sprach der Meister lächelnd, "es ist wohl dumm, dass ich Euch heute erscheinen muss wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne wollen es nun einmal, dass ich von einem Moment meines Lebens mit Euch reden soll, über den ich so lange schwieg. – kommt her, Kreisler, schaut dieses grosse Buch, es ist das merkwürdigste, was ich besitze, das Erbstück eines Tausendkünstlers, Severino geheissen, und eben sitze ich da und lese die wunderbarsten Sachen und schaue die kleine Chiara an, die darin abgebildet, und da stürzt Ihr hinein, ausser Euch selbst, und verachtet meine Magie in dem Augenblick, als ich eben in der Erinnerung schwelge an ihr schönstes Wunder, das mein war in der Blütezeit meines Lebens!"

"Nun erzählt nur," rief Kreisler, "damit ich stracks mit Euch heulen kann" –

"Es ist," begann Meister Abraham, "es ist nun eben nicht sehr merkwürdig, dass ich, sonst ein junger kräftiger Mann von ganz hübschem Ansehn, aus übertriebenem Eifer und grosser Ruhmbegier mich matt und krank gearbeitet hatte an der grossen Orgel in der Hauptkirche zu Göniönesmühl. Der Arzt sprach: 'Laufen Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie über Berg und Tal, weit in die Welt hinein', und das tat ich denn wirklich, indem ich mir den Spass machte, überall als Mechaniker aufzutreten und den Leuten die artigsten Kunststücke vorzumachen. Dies ging recht gut und brachte mir viel Geld ein, bis ich auf den Mann stiess, Severino geheissen, der mich derb auslachte mit meinen Kunststückchen und durch manches mich beinahe dahin gebracht hätte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit dem Teufel oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststück, das eben später unter dem Namen des unsichtbaren Mädchens bekannt worden. Mitten im Zimmer, von der Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten klarsten Glase, und aus dieser Kugel strömten, wie ein linder Hauch, die Antworten auf die an das unsichtbare Wesen gerichtete fragen. Nicht allein das unbegreiflich Scheinende dieses