daher, den schönen Hals stolz emporgehoben, rauschend mit den glänzenden Schwingen. "Blanche, Blanche," rief Kreisler laut, indem er beide arme weit ausstreckte, "singe dein schönstes Lied, glaube ja nicht, dass du dann sterben musst! Du darfst dich nur singend an meine Brust schmiegen, dann sind deine herrlichsten Töne mein, und nur ich gehe unter in brünstiger sehnsucht, während du in Liebe und Leben daherschwebst auf den kosenden Wellen!" – Selbst wusste Kreisler nicht, was ihn plötzlich so tief bewegte, er stützte sich auf das Geländer, schloss unwillkürlich die Augen. Da hörte er Julias Gesang, und ein unnennbar süsses Weh durchbebte sein Inneres.
Düstere Wolken zogen daher und warfen breite Schatten über das Gebirge, über den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner dröhnte im Morgen, stärker sauste der Nachtwind, rauschten die Bäche, und dazwischen schlugen einzelne Töne der Wetterharfe an wie ferne Orgelklänge, aufgescheucht erhob sich das Geflügel der Nacht und schweifte kreischend durch das Dickicht.
Kreisler erwachte aus dem Traume und erblickte seine dunkle Gestalt im wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler, an aus der Tiefe. "Hoho," rief er herab, "hoho, bist du da, geliebter Doppeltgänger, wackerer Kumpan? – Höre, mein ehrlicher Junge, für einen Maler, der etwas über die Schnur gehauen, der in stolzem Übermut fürstliches Herzblut verbrauchen wollte statt Firnis, siehst du passabel genug aus. – Ich glaube am Ende, guter Ettlinger, dass du illustre Familien genarrt hast mit deinem wahnsinnigen Treiben! – Je länger ich dich anschaue, desto mehr gewahre ich an dir die vornehmsten Manieren, und so du magst, will ich der Fürstin Maria versichern, du wärst, was deinen Stand oder deine Lage im wasser betrifft, ein Mann von dem importantesten Range, und sie könne dich lieben ohne alle weitere Umstände. – Willst du aber, Kumpan, dass die Fürstin noch jetzt deinem Bilde gleiche, so musst du es nachtun dem fürstlichen Dilettanten, der seine Porträts ausglich mit den zu Porträtierenden durch geschicktes Anpinseln der letzteren! – Nun! – Haben sie dich einmal unverdienterweise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich dir hiemit allerlei Neuigkeiten zu! – Wisse, verehrter Tollhauskolonist, dass die Wunde, die du dem armen kind, der schönen Prinzessin Hedwiga, beibrachtest, noch immer nicht recht geheilt ist, so dass sie vor Schmerz manchmal allerlei Faxen macht. Trafst du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, dass ihr noch jetzt heisses Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie Leichname bluten, wenn der Mörder hinantritt? Rechne es mir nicht zu, Guter, dass sie mich für ein Gespenst hält, und zwar für das deinige. – Aber bin ich so recht in voller Lust, ihr zu beweisen, dass ich kein schnöder Revenant bin, sondern der Kapellmeister Kreisler, dann kommt mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer Paranoia laboriert, an einer fatuitas, stoliditas, die nach Kluge eine sehr angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. – Mache mir nicht alle Gesten nach, Maler, wenn ich ernstaft mit dir rede! – Schon wieder? Fürchtete ich mich nicht vor dem Schnupfen, ich spränge zu dir herab und prügelte dich erklecklich. – Schere dich zum Teufel, halunkischer Mimiker!"
Kreisler sprang schnell fort.
Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in grossen Tropfen herabzufallen. Aus dem Fischerhäuschen strahlte ein helles blendendes Licht, dem eilte Kreisler schnell entgegen.
Unfern der tür, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein Ebenbild, sein eigenes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom tiefsten Entsetzen erfasst, stürzte Kreisler hinein in das Häuschen, sank atemlos, zum tod erbleicht, in den Sessel.
Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische sass, auf dem eine Astrallampe ihre blendende Strahlen umherwarf, in einem grossen Folianten lesend, fuhr erschrocken in die Höhe, nahte sich Kreisler, rief: "Um des himmels willen, was ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am späten Abend – was hat Euch so entsetzt!" –
Mit Mühe ermannte sich Kreisler und sprach dann mit dumpfer stimme: "Es ist nun nicht anders, wir sind unserer zwei – ich meine ich und mein Doppeltgänger, der aus dem See gesprungen ist und mich verfolgt hat hieher. – Seid barmherzig, Meister, nehmt Euern Dolchstock, stosst den Halunken nieder – er ist rasend, glaubt mir das, und kann uns beide verderben. Er hat draussen das Wetter heraufbeschworen. – Die Geister rühren sich in den Lüften, und ihr Choral zerreisst die menschliche Brust! – Meister – Meister, lockt den Schwan herbei, – er soll singen – erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weisse kalte Totenhand auf meine Brust gelegt, die muss er wegziehen, wenn der Schwan singt – und sich wieder untertauchen in den See." – Meister Abraham liess Kreislern nicht weiter reden, er sprach ihm zu mit freundlichen Worten, nötigte ihm einige Gläser eines feurigen italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und fragte ihm dann nach und nach ab, wie sich alles begeben.
Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham, laut lachend, rief: "Da sieht man den eingefleischten