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Gelächter begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen Bücher herauszunehmen und, sie, nach dem Format sorglich ordnend, so hinzustellen, dass die goldnen Schnitte, nach aussen stehend, eine blanke Reihe formten, worüber er sich über alle massen freute.

fräulein Nannette stürzte hinein und rief laut: "Der Fürst, der Fürst mit dem Prinzen!" – "O mein Gott," sprach die Prinzessin, "meine Toilette, in der Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu denken. – Ich habe mich ganz vergessen! – Mich und den Fürsten und den Prinzen." Sie verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz liess sich in seinem Geschäft gar nicht stören.

Schon rollte der Staatswagen des Fürsten heran; als Kreisler sich unten an der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in Staatslivree aus der Wurst. – Das muss näher erklärt werden.

Fürst Irenäus liess nicht ab von dem alten Brauch, und so hatte er zur selben Zeit, als kein schnellfüssiger Hanswurst in bunter Jacke vor den Pferden herzulaufen genötigt wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen Dienerschaft von allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hübsche Leute von gesetzten Jahren, wohlgefüttert und nur zuweilen von Unterleibsbeschwerden geplagt wegen der sitzenden Lebensweise. Viel zu menschenfreundlich war nämlich der Fürst gesinnt, um irgendeinem Diener zuzumuten, dass er sich zuzeiten umsetze in ein Windspiel oder einen andern vergnügten Köter, um indessen doch die gehörige Etikette im Ansehen zu erhalten, mussten die beiden Laufer, fuhr der Fürst in Gala aus, vorauffahren auf einer passablen Wurst und an schicklichen Stellen, wo z.B. einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rühren, als Andeutung des wirklichen Laufs. – Es war hübsch anzusehen. –

Alsodie Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins Portal, und ihnen folgte Fürst Irenäus, an dessen Seite ein junger Mann von stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der neapolitanischen Garde, Sterne und Kreuze auf der Brust. – "Je vous salue, Monsieur de Krösel," sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte. – Krösel pflegte er zu sagen statt Kreisler, wenn er bei festlichen, feierlichen Gelegenheiten Französisch sprach und sich auf keinen deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinzdenn den jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die fräulein Nannette gemeint, als sie rief, dass der Fürst komme mit dem Prinzennickte Kreislern im Vorbeigehen flüchtig zu mit dem kopf, eine Art der Begrüssung, die Kreislern selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er bückte sich daher bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, dass der dicke Hofmarschall, der überhaupt Kreislern für einen ausgemachten Spassmacher und alles für Spass hielt, was er tat und sprach, nicht umhin konnte, etwas zu kichern. Der junge Fürst warf aus seinen dunkeln Augen Kreislern einen glühenden blick zu, murmelte zwischen den Zähnen: "Hasenfuss" und schritt dann schnell dem Fürsten nach, der sich mit milder Gravität nach ihm umschaute. – "Für einen italienischen Gardisten", rief Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, "spricht der durchlauchtige Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, dass ich ihm dafür dienen mit dem auserlesensten Neapolitanisch und dabei kein artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnödes Venetianisch einschwärzen, kurz kein X vor ein U machen will. – Sagen Sie ihm, beste Exzellenz –" Aber die Exzellenz stieg schon, die Schultern hoch heraufgezogen als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren, die Treppe herauf. –

Der fürstliche Wagen, mit dem Kreisler gewöhnlich nach Sieghartshof zu fahren pflegte, hielt, der alte Jäger öffnete den Schlag und fragte, ob's gefällig wäre. In dem Augenblick rannte aber ein Küchenjunge vorbei, heulend und schreiend: "Ach, das Unglückach, das Malheur!" – "Was ist geschehen?" rief ihm Kreisler nach. "Ach, das Unglück," erwiderte der Küchenjunge, noch heftiger weinend, "da drinnen liegen der Herr Oberküchenmeister in der Verzweiflung, in purer Raserei und wollen sich durchaus das Ragoutmesser in den Leib stossen, weil der gnädigste Herr plötzlich befohlen hat zu soupieren und es ihm an Muscheln fehlt zum italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Order des gnädigsten Herrn fehlt." – "Da ist zu helfen," sprach Kreisler, "der Herr Oberküchenmeister steige in gegenwärtigen Wagen und versehe sich mit den schönsten Muscheln in Sieghartsweiler, während ich zu Fuss nach selbiger Stadt promeniere." – Damit rannte er fort in den Park. –

"Grosse Seeleedles Gemütscharmanter Herr!" rief ihm der alte Jäger nach, indem ihm die Tränen in die Augen traten. –

In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne glühende Widerschein gleitete spielend über den Wiesenplan, durch die Bäume, durch die Büsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich säuselnd erhoben.

Kreisler blieb mitten auf der brücke stehen, die über einen breiten Arm des Sees nach dem Fischerhäuschen führte, und schaute in das wasser hinab, in dem sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch darüber emporragende Geierstein, der seine weissblinkende Ruinen auf dem haupt wie eine seltsame Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer. Der zahme Schwan, der auf den Namen Blanche hörte, plätscherte auf dem See