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, dass Sie imstande wären, selbst ein mittelmässiges Talent, wie das meinige, zu heben. – Ich meine, dass –"

Die Prinzessin stockte hocherrötend, die Benzon trat hinzu und versicherte, dass die Prinzessin sich selbst grosses Unrecht tue, wenn sie ihr musikalisches Talent mittelmässig nenne, da sie das Pianoforte vorzüglich spiele und recht ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die Prinzessin in ihrer Verlegenheit auf einmal über alle massen liebenswürdig erschien, ergoss sich in einen Strom freundlicher Redensarten und schloss damit, dass ihm nichts Glücklicheres begegnen könne, als wenn die Prinzessin es vergönne, ihr beizustehen im Studium der Musik mit Rat und Tat.

Die Prinzessin hörte den Kapellmeister an mit sichtlichem Wohlgefallen, und als er geendet und der Benzon blick ihr die seltsame Scheu vor dem artigen Mann vorwarf, da sprach sie halb leise: "Ja, ja, Benzon, Sie haben recht, ich bin wohl oft ein kindisches Kind! –" In demselben Augenblick fasste sie, ohne hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in den Händen hielt, und den er ihr nun hinreichte. Selbst wusste er nicht, wie es sich begab, dass er dabei der Prinzessin Hand berührte. Aber ein heftiger Pulsschlag dröhnte ihm durch alle Nerven, und es war, als wollten ihm die Sinne vergehen. –

Wie einen Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler Juliens stimme. "Ich soll," sprach sie, "ich soll noch mehr singen, lieber Kreisler, man lässt mir keine Ruhe. – Wohl möchte ich das schöne Duett versuchen, das Sie mir letztin gebracht." – "Sie dürfen das," nahm die Benzon das Wort, "Sie dürfen das meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeisterfort an den Flügel!" –

Kreisler, keines Wortes mächtig, sass am Flügel, schlug die ersten Akkorde des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen. Julia begann: "Ah che mi manca l'anima in si fatal momento" – – Es ist nötig zu sagen, dass die Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italischer Weise ganz einfach die Trennung eines liebenden Paars aussprachen, dass auf momento natürlicherweise sento und tormento gereimt war, und dass es, wie in hundert andern Duetten ähnlicher Art, auch nicht an dem Abbi pietade o cielo und an der pena di morir fehlte. Kreisler hatte indessen diese Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts mit einer Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur passable Ohren gegeben, unwiderstehlich hinreissen musste. Das Duett war den leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen und, da Kreisler nur nach dem höchsten Ausdruck des Moments und nicht darnach strebte, was eben ganz ruhig und bequem von der Sängerin aufzufassen, in der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam es, dass Julia schüchtern, mit beinahe ungewisser stimme begann, und dass Kreisler eben nicht viel besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des Gesanges wie schimmernde Schwäne und wollten bald mit rauschendem Flügelschlag emporsteigen zu dem goldnen strahlenden Gewölk, bald in süsser Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der Akkorde, bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das letzte Addio in dem Schrei des wilden Schmerzes wie ein blutiger Springquell herausstürzte aus der zerrissenen Brust.

Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen, vielen standen die hellen Tränen in den Augen, selbst die Benzon gestand, dass sie selbst im Teater bei irgendeiner gut dargestellten Abschiedsszene Ähnliches noch nicht empfunden. Man überhäufte Julien und den Kapellmeister mit Lobsprüchen, man sprach von der wahren Begeisterung, die beide beseelt, und stellte die Komposition vielleicht noch höher, als sie es verdiente.

Der Prinzessin Hedwiga hatte man während des Gesanges die innere Bewegung wohl angemerkt, unerachtet sie bemüht war, ruhig zu scheinen, ja durchaus jede Teilnahme zu verbergen. Neben ihr sass ein junges Ding von Hofdame mit roten Wangen, zum Weinen und lachen gleich aufgelegt, der raunte sie allerlei in die Ohren, ohne dass es ihr gelang, irgend andere Antwort zu erhalten als einzelne Wörter, in der Angst der höfischen Konvenienz ausgestossen. Auch der Benzon, die an der andern Seite sass, flüsterte sie gleichgültige Dinge zu, als höre sie gar nicht auf das Duett; die nach ihrer strengen Manier bat aber die Gnädigste, die Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach die Prinzessin, im ganzen Gesicht glühend, mit blitzenden Augen so laut, dass sie die Lobsprüche der ganzen Gesellschaft übertönte: "Es wird mir nun wohl erlaubt sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, dass das Duett als Komposition seinen Wert haben mag, dass meine Julie vortrefflich gesungen hat, aber ist es recht, ist es billig, dass man im gemütlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung obenanstehen soll, wo wechselseitige Anregungen Rede, Gesang forttreiben sollen wie einen zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, dass man da extravagante Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen zerstörenden Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemüht, mein Ohr, meine Brust zu verschliessen dem wilden Schmerz des Orkus, den Kreisler mit unser leicht verletzliches Inneres verhöhnender Kunst in Tönen aufgefasst hat, aber niemand war so gütig, sich meiner anzunehmen. Gern will ich meine Schwäche Ihrer Ironie preisgeben, Kapellmeister, gern will ich gestehen, dass der üble Eindruck Ihres Duetts mich ganz krank gemacht hat. – Gibt es denn keinen