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, der, vorzüglich was die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem ruhigen Beobachter beinahe wie ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm schon die ausschweifende Redensart nachschreiben müssen, dass "als Julia sang, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles Entzücken süsser Träume, die Hoffnung, das Verlangen durch den Wald wogte und niederfiel wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust horchender Nachtigallen." Kreislers Urteil über Julias Gesang scheint hiernach eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber bemeldeter Biograph bei dieser gelegenheit dem günstigen Leser, dass Julias Gesang, den er, dem Himmel sei's geklagt, niemals selbst hörte, etwas Geheimnisvolles, etwas ganz Wunderbares in sich getragen haben muss. Ungemein solide Leute, die sich erst seit kurzer Zeit den Zopf wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tüchtigen Rechtsfall, eine malitiös merkwürdige Krankheit oder einen jungen Ankömmling von Strassburger Pastete gehörig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart, Beetoven, Spontini im Teater nicht im mindesten aus der schicklichen Seelenruhe brachte, ja, solche Leute haben oft versichert, dass, sänge das fräulein Julia Benzon, ihnen ganz absonderlich zumute würde, sie könnten gar nicht sagen, wie. Eine gewisse Beklommenheit, die ihnen denn doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen errege, bemächtige sich ihrer ganz und gar, und oft kämen sie auf den Punkt, Narrenstreiche zu machen und sich zu gebärden wie junge Phantasten und Versmacher. Anzuführen ist auch ferner, dass einmal, als Julia bei hof sang, Fürst Irenäus vernehmlich ächzte, und als der Gesang geendet, geradezu losschritt auf Julien, ihre Hand an den Mund drückte und dabei sehr weinerlich sprach: "Bestes fräulein!" – Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Fürst Irenäus habe der kleinen Julia wirklich die Hand geküsst, und dabei wären ihm ein paar Tränen aus den Augen getröpfelt. Auf Anlass der Oberhofmeisterin wurde aber diese Behauptung als ungeziemend und dem Wohl des Hofes zuwider unterdrückt.

Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen stimme mächtig, sang mit dem Gefühl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten Gemüt hervorströmt, und darin mochte wohl der wunderbare unwiderstehliche Zauber liegen, den sie auch heute übte. Der Atem jedes Zuhörers stockte, als sie sang, jeder fühlte seine Brust beengt von süssem namenlosen Weh, erst ein paar Augenblicke nachher, als sie geendet, brach das Entzücken los im stürmischen ungemessensten Beifall. Nur Kreisler sass da, stumm und starr, zurückgelehnt in den Sessel; dann stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit einem blick, der deutlich fragte: "War es denn auch wohl so recht?" – Errötend schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz legend, mit zitternder stimme lispelte: "Julia!" und dann mit gebücktem haupt mehr schlich als ging hinter den Kreis, den die Damen geschlossen.

Mit Mühe hatte die Rätin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in der Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler antreffen musste. Sie gab nur nach, als die Rätin ihr sehr ernstaft vorstellte, wie kindisch es sein würde, einen Mann zu meiden, bloss weil er nicht zu den auf eine Art und Weise wie Scheidemünze ausgeprägten zu rechnen, sondern sich in freilich hin und wieder bizarrer Eigentümlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch Eingang gefunden bei dem Fürsten, und unmöglich würde' es daher sein, den seltsamen Eigensinn durchzuführen.

Prinzessin Hedwiga wusste sich den ganzen Abend über so geschickt zu drehen und zu wenden, dass Kreisler, dem es, harmlos und gefügig, wie er war, wirklich galt, die Prinzessin zu versöhnen, alles Mühens unerachtet sich nicht ihr nähern konnte. Den geschicktesten Manoeuvres wusste sie zu begegnen mit schlauer Taktik. – Desto mehr musste der Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die Prinzessin jetzt plötzlich den Kreis der Damen durchbrach und geradezu losschritt auf den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da, dass erst die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte habe für den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.

"Gnädigste," erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung verriet, "Gnädigste, nach der bewährten Meinung berühmter Schriftsteller haben die Seligen statt des Worts nur Gedanken und blick. – Ich war, glaube' ich, im Himmel!"

"So ist", erwiderte die Prinzessin lächelnd, "unsere Julia ein Engel des Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschliessen. – Jetzt bitte ich Sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen und einem armen Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehör zu geben." –

Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, dass Kreisler etwas sage. Da dieser sie aber schweigend anschaute mit leuchtendem blick, schlug sie die Augen nieder und wandte sich rasch um, so dass der leicht umgeworfene Shawl von den Schultern hinabwallte. Kreisler fasste ihn im Fallen. Die Prinzessin blieb stehen. "Lassen Sie uns," sprach sie dann mit unsicherm schwankendem Ton, als ringe sie mit irgendeinem Entschluss, als würde' es ihr schwer, es herauszusagen, was sie im inneren beschlossen – "lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz prosaisch reden. Ich weiss, Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich muss gestehen, dass sie seit der Zeit in stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt mir die Hoffnung