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Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung verwundete des Knaben zartes Gemüt und stand dem innigsten Verhältnis, wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung väterliche Freund herbeigeführt haben würde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch nicht, dass der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des tiefem Humors, der in des Knaben inneren lag, zu hegen und zu pflegen, der denn auch sattsam gedeihte und emporwuchs. –

Herr Liscov pflegte viel von Johannes' Vater zu erzählen, dessen vertrautester Freund er in seinen Jünglingsjahren gewesen, zum Nachteil des erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der Bruder in hellem Sonnenlicht erschien. So rühmte auch eines Tages der Orgelbauer den tiefen musikalischen Sinn des Vaters und verspottete die verkehrte Art, wie der Oheim dem Knaben die ersten Elemente der Musik beigebracht. Johannes, dessen ganze Seele durchdrungen war von dem Gedanken an den, der ihm der Nächste gewesen, und den er nie gekannt, wollte immer noch mehr hören. Da verstummte aber Liscov plötzlich und sah wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die Seele tritt, starr zum Boden nieder.

"Was ist Euch, Meister," fragte Johannes, "was bewegt Euch so?" –

Liscov fuhr auf wie aus einem Traum und sprach lächelnd: "Weisst du noch, Johannes, wie ich dir die Fussbank wegzog unter den Beinen und du hinabschobst unter den Flügel, da du mir des Oheims abscheuliche Murkis und Menuetten vorspielen musstest?"

"Ach," erwiderte Johannes, "wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spass, ein Kind zu betrüben."

"Und das Kind," nahm Liscov das Wort, "war dafür tüchtig grob. – Doch nimmermehr hätt' ich damals geglaubt, dass in Euch ein solch tüchtiger Musiker verborgen, und darum, Söhnlein, tu mir den Gefallen und spiele mir einen ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will den Balg treten."

Es ist hier nachzuholen, dass Liscov grossen Geschmack fand an allerlei wunderlichen Spielereien und den Johannes damit sehr ergötzte. Schon als Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend etwas Seltsames mitzubringen.

Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stücke zerfiel, wenn er abgeschält wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde der erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem überraschenden Kunststück aus der natürlichen Magie erfreut, so half der Jüngling optische Maschinen bauen, sympatetische Tinten kochen u.s.w. An der Spitze der mechanischen Künsteleien, die der Orgelbauer für den Johannes verfertigte, stand aber ein Positiv mit achtfüssigem Gedackt, dessen Pfeifen von Papier geformt, das mitin jenem Kunstwerk des alten Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius Casparini geheissen, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und Anmut unwiderstehlich hinriss, und Johannes versichert noch, dass er niemals darauf spielen können, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten, und dass ihm dabei manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell aufgegangen. –

Auf diesem Positiv musste Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen. Nachdem er, wie Liscov verlangt, ein paar Choräle gespielt, fiel er in den Hymnus: "Misericordias domini cantabo," den er vor wenigen Tagen gesetzt. – Da Johannes geendet, so sprang Liscov auf, drückte ihn stürmisch an die Brust, rief laut lachend: "Hasenfuss, was foppst du mich mit deiner lamentablen Kantilena? Wär' ich nicht immer und ewig dein Kalkant gewesen, nichts Vernünftiges hättest du jemals herausgebracht. – Aber nun renne ich fort und lasse dich im Stich ganz und gar, und du magst dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen, der es mit dir so gut meint als ich!" – Dabei standen ihm die hellen Tränen in den Augen. Er sprang zur tür heraus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er aber nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: "Es kann nun einmal nicht anders sein. – Adieu, Johannes! – Wenn der Oheim seine rotgeblümte Gros-de-Tourweste vermisst, so sage nur, ich hätte sie gestohlen und liesse mir daraus einen Turban machen, um dem Grosssultan vorgestellt zu werden! – Adieu, Johannes!" – Kein Mensch konnte begreifen, warum Herr Liscov so plötzlich die angenehme Stadt Göniönesmühl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu wenden entschlossen.

Der Oheim sprach: "Längst hab' ich vermutet, dass der unruhige Geist sich auf und davon machen würde, denn er hält es, unerachtet er schöne Orgeln verfertigt, doch nicht mit dem Spruch: bleibe im land und nähre dich redlich! – Es ist nur gut, dass unser Flügel imstande; nach dem überspannten Menschen selbst frag' ich nicht viel!" – Anders dachte wohl Johannes, dem Liscov überall fehlte, und dem nun ganz Göniönesmühl ein totes düstres Gefängnis dünkte.

So kam es, dass er den Rat des Orgelbauers befolgen und sich, in der Welt einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine Studien vollendet, könne er in der Residenz sich unter den Fittich des Geheimen Legationsrates begeben und vollends ausbrüten lassen. – Es geschah so! –

In diesem Augenblick ärgert sich gegenwärtiger Biograph über alle massen, denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt, von dem er dir