mich etwas zu prügeln. Immer wieder auf des Meisters Schreibtisch gesprungen, hatte' ich nämlich so lange hin und her geschwänzelt, bis die Spitze meines Schweifs in das grosse Tintenfass geraten, mit der ich nun auf Boden und Kanapee die schönsten Malereien ausführte. Das brachte den Meister, der keinen Sinn für dieses Genre der Kunst zu haben schien, in Harnisch. Ich flüchtete auf den Hof, aber beinah' noch schlimmer ging es mir dort. Ein grosser Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen hatte längst sein Missfallen über mein Betragen geäussert; jetzt, da ich, freilich tölpischerweise, einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im Begriff, vor dem Maule wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstände eine solche Menge Ohrfeigen von beiden Seiten, dass ich ganz betäubt wurde und mir beide Ohren bluteten. – Irre ich nicht, so war der würdige Herr mein Oheim, denn Minas Züge strahlten aus seinem Antlitz, und die Familienähnlichkeit des Barts unleugbar. – Kurz, ich gestehe, dass ich mich in dieser Zeit in Unarten erschöpfte, so dass der Meister sprach: "Ich weiss gar nicht, was dir ist, Murr, ich glaube am Ende, du bist jetzt in die Lümmeljahre getreten!" Der Meister hatte recht, es war meine verhängnisvolle Lümmelzeit, die ich überstehen musste, nach dem bösen Beispiel der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand, als durch ihre tiefste natur bedingt, eingeführt haben. Lümmeljahre nennen sie diese Periode, unerachtet mancher zeit seines Lebens nicht herauskommt, unsereins kann nur von Lümmelwochen reden, und ich meinerseits kam nun auf einmal heraus mittelst eines starken Rucks, der mir ein Bein oder ein paar Rippen hätte kosten können. eigentlich sprang ich heraus aus den Lümmelwochen auf vehemente Weise.
Ich muss sagen, wie das sich begab:
Auf dem hof der wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich ausgepolsterte Maschine auf vier Rädern, wie ich nachher einsehen lernte, ein englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen Stimmung natürlicher, als dass mir die Lust ankam, mit Mühe hinaufzuklettern und hineinzukriechen in diese Maschine. Ich fand die darin befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, dass ich nun die mehrste Zeit in den Plostern des Wagens verschlief, verträumte.
Ein heftiger Stoss, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Lärmen folgte, weckte mich, als eben süsse Bilder von Hasenbraten und dergleichen vor meiner Seele vorübergingen. Wer schildert meinen jähen Schreck, als ich wahrnahm, dass die ganze Maschine sich mit ohrbetäubendem Getöse fortbewegte, mich hin und her schleudernd auf meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der Maschine, ich hörte das wiehernde Hohngelächter höllischer Dämonen, ich hörte ihre barbarischen Stimmen: "Katz – Katz, huz huz!" hinter mir her kreischen, sinnlos rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen mir nach, bis ich endlich hineingeriet in ein finstres Gewölbe und ohnmächtig niedersank.
Endlich war es mir, als höre ich hin und her gehen über meinem haupt, und schloss aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon Ähnliches erfahren, dass ich mich unter einer Treppe befinden müsse. Es war dem so! –
Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich überall unabsehbare Strassen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich nicht einen einzigen kannte, wogte vorüber. Kam noch hinzu, dass Wagen rasselten, Hunde laut bellten, ja, dass zuletzt eine ganze Schar, deren Waffen in der Sonne blitzten, die Strasse einengte; dass dicht bei mir einer urplötzlich so ganz erschrecklich auf eine grosse Trommel schlug, dass ich unwillkürlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so konnte es nicht fehlen, dass eine seltsame Angst meine Brust erfüllte! – Ich merkte nun wohl, dass ich mich in der Welt befand – in der Welt, die ich aus der Ferne von meinem dach erblickt, oft nicht ohne sehnsucht, ohne Neugierde, ja, mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner Fremdling. Behutsam spazierte ich dicht an den Häusern die Strasse entlang und begegnete endlich ein paar Jünglingen meines Geschlechts. Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber sie begnügten sich, mich mit funkelnden Augen anzuglotzen, und sprangen dann weiter. "Leichtsinnige Jugend," dachte' ich, "du weisst nicht, wer es war, der dir in den Weg trat! – so gehen grosse Geister durch die Welt, unerkannt, unbeachtet. – Das ist das Los sterblicher Weisheit!" – Ich rechnete auf grössere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen hervorragenden Kellerhals und stiess manches fröhliche, wie ich glaubte, anlockende Miau aus, aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir umblickend, gingen alle vorüber. Endlich gewahrte ich einen hübschen blondgelockten Knaben, der mich freundlich ansah und endlich, mit den Fingern schnalzend, rief: "Mies – Mies!" –
"Schöne Seele, du verstehst mich," dachte' ich, sprang herab und nahte mich ihm, freundlich schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich glaubte, mich dem freundlichen Gemüt ganz hingeben zu können, kniff er mich dermassen in den Schwanz, dass ich vor rasendem Schmerz aufschrie. Das eben schien dem tückischen Bösewicht rechte Freude zu machen, denn er lachte laut, hielt mich fest und versuchte das höllische Manöver zu wiederholen. Da