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meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören durfte. – Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle, in denen der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so dass ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich könnte dir, mein Geheimer Rat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiss, dass du auf nichts so erpicht bist als auf meine musikalischen Studien und es dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal komponierte. – Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliotek, in der ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte, was ich wollte; mir fielen Rousseaus 'Bekenntnisse' in der deutschen Übersetzung in die hände. Ich verschlang das Buch, das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben geschrieben, und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte streuen können. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum teil sehr verfänglichen begebenheiten erfüllte mein Gemüt so ganz und gar, dass ich alles übrige darüber vergass. Gleich elektrischen Schlägen traf mich nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau, von dem mächtigen Geist seiner inneren Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich entschliesst, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers herablässt, wie er sich aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, gleich einem herrlichen Traum! – Tag und Nacht verliess mich nicht der Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die höchste Seligkeit über den Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! – Oft war es mir, als sei ich auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von meinem festen Entschluss hinge es ab, mich auch in dies Paradies hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig beschwingt. Genug, ich kamdahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus verlassen, liess ich sofort die Vorhänge herab und warf mich auf des Oheims Bette, um, wie Rousseau, eine Oper im geist zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich abmühte, den dichterischen Geist hinanzulocken, doch blieb er in störrischem Eigensinn davon! – Durchaus summte mir, statt aller herrlichen Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbärmliches Lied vor den Ohren, dessen weinerlicher Text begann: 'Ich liebte nur Ismenen, Ismene liebt' nur mich,' und liess, so sehr ich mich dagegen sträubte, nicht nach. 'Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: Hoch von Olympos' Höhn',' rief ich mir zu, aber: 'Ich liebte nur Ismenen,' summte die Melodie fort und unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fest einschlief. Mich weckten laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte! Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und in dem Gewölk stand der Oheim und trat die Reste der flammenden Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: 'wasser herwasser her!' bis der alte Diener wasser in reichlicher Fülle herbeibrachte, über den Boden ausgoss und so das Feuer löschte. Der Rauch zog langsam durch die Fenster. 'Wo ist nur der Unglücksvogel?' fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wusste wohl, welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim hinantrat und mir mit einem zornigen: 'Will Er wohl gleich heraus!' auf die Beine half. 'Steckt mir der Bösewicht das Haus über dem kopf an!' fuhr der Onkel fort. – Ich versicherte auf weiteres Befragen ganz ruhig, dass ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner 'Bekenntnisse' es getan, eine Opera seria im Bett komponiert hätte, und dass ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. 'Rousseau? Komponiert? Opera seria? – Pinsel!' So stotterte der Oheim vor Zorn und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing, so dass ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich: 'Ich liebte nur Ismenen etc. etc.'. Sowohl gegen dieses Lied als gegen die Begeisterung des Komponierens überhaupt empfand ich von diesem Augenblick an einen lebhaften Widerwillen."

"Aber wie war nur das Feuer entstanden?" fragte der Geheime Rat.

"Noch," erwiderte Kreisler, "noch in diesem Augenblick ist es mir unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet und einen schönen Schlafrock des Oheims sowie drei oder vier schön frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Perückenstudien aus einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riss. Mir ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten Feuers, sondern nur der unternommenen Komposition halber die Ohrfeige erhalten. – Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getäuscht von dem nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äusserte,