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tut mir unrecht," sprach Kreisler, mild lächelnd, mit sanfter stimme, "Ihr tut mir grosses Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn möglich sein, Euch was weismachen zu wollen von frühreifem Geistesvermögen, wie es wohl eitle Gecken tun? – Und ich frage dich, Geheimer Rat, ob es dir auch nicht widerfährt, dass oft Momente lichtvoll vor deine Seele treten aus einer Zeit, die manche erstaunlich kluge Leute ein blosses Vegetieren nennen und nichts statuieren wollen als blossen Instinkt, dessen höhere Vortrefflichkeit wir den Tieren einräumen müssen? – Ich meine, dass es damit eine eigene Bewandtnis hat! – Ewig unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewusstsein! – Wäre es möglich, dass dies mit einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber müsste uns töten. – Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen aus tiefem Traum, bewusstlosem Schlaf empfunden, wenn er, sich selbst fühlend, sich auf sich selbst besinnen musste? – Doch, um mich nicht zu weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit lässt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort, und es sind wirklich die süssen wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die noch in uns fortallen! – Ich weiss aber, worauf der Meister anspielt. Auf nichts anders als auf die geschichte von der verstorbenen Tante, die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu ärgern, nur gerade dir, Geheimer Rat, erzählen werde, wenn du mir versprichst, mir was weniges empfindelnde Kinderei zugute zu halten. – Was ich dir von der Erbssuppe und dem Lautenisten –" – "O," unterbrach der Geheime Rat den Kapellmeister, "o still, still, nun merk' ich wohl, du willst mich foppen, und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung."

"Keinesweges," fuhr Kreisler fort, "keinesweges, mein Herz! Aber von dem Lautenisten muss ich anfangen, denn er bildet den natürlichsten Übergang zur Laute, deren Himmelstöne das Kind in süsse Träume wiegten. Die jüngere Schwester meiner Mutter war Virtuosin auf diesem zurzeit in die musikalische Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und rechnen können und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart Tränen vergossen, wenn sie bloss dachten an das Lautenspiel der seligen Mamsell Sophie, mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich, ein durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig, noch ohne in Wort und Rede aufgekeimtes Bewusstsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die Lautenistin aus ihrem Innersten strömen liess, in begierigen Zügen einschlürfte. – Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der Verstorbenen, klein von person, mit hinlänglich krummen Beinen, hiess Monsieur Turtel und trug eine sehr saubere weisse Perücke mit einem breiten Haarbeutel, sowie einen roten Mantel. – Ich sage das nur, um zu beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und dass weder Meister Abraham noch sonst jemand daran zweifeln darf, wenn ich behaupte, dass ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde auf dem Schoss eines Mädchens, deren mildblickende Augen mir recht in die Seele leuchteten, dass ich noch die süsse stimme höre, die zu mir sprach, zu mir sang, dass ich es noch recht gut weiss, wie ich der anmutigen person all meine Liebe, all meine Zärtlichkeit zuwandte. Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung 'Füsschen' gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füsschen nicht gesehen hatte. Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante Füsschen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen, sprang schnell auf und führte, heftig scheltend, die Wärterin, die mich auf dem Arm hatte, hinaus. Bald darauf kleidete man mich an, hüllte man mich ein in dicke Tücher, brachte man mich ganz und gar in ein anderes Haus zu andern Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten und versicherten, dass Tante Füsschen sehr krank sei und ich, wäre ich bei ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufentalt. Ich weinte, ich schrie, ich wollte zu Tante Füsschen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, trippelte ich hin an das Bette, in dem Tante Füsschen gelegen, und zog die Gardinen auseinander. Das Bette war leer, und eine person, die nun wieder eine Tante von mir war, sprach, indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten: 'Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben und liegt unter der Erde.' –

Ich weiss wohl, dass ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte, aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem namenlosen Gefühl, das mich damals erfasste. Der Tod selbst presste mich hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes, und vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. – Was ich begann, weiss ich nicht mehr, wüsste es vielleicht niemals, aber erzählt hat man mir oft genug, dass ich langsam die