drei Schritte zurück und blickte mich an voll Erstaunen. Aber der Professor rief: "Seht Ihr wohl, Meister! Ihr denkt, der Kleine sitzt harmlos in der kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und er hat sich hineingeschlichen in den Bücherschrank, um zu studieren, oder noch wahrscheinlicher, um uns zu belauschen. Nun hat er alles gehört, was wir gesprochen, und kann seine Massregeln darnach nehmen." – "Kater," begann der Meister, indem er fortwährend den blick voll Erstaunen auf mich ruhen liess, "Kater, wenn ich wüsste, dass du, deine ehrliche natürliche natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich darauf verlegtest, solche vertrackte Verse zu machen, wie sie der Professor vorgelesen, wenn ich glauben könnte, dass du wirklich den Wissenschaften nachstelltest, statt den Mäusen, ich glaube, ich könnte dir die Ohren wund zwicken, oder gar –"
Mich überfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu und tat, als schliefe ich fest. –
"Aber nein, nein," fuhr der Meister fort, "schaut nur einmal her, Professor, wie mein ehrlicher Kater so sorglos schläft, und sagt selbst, ob er in seinem gutmütigen Antlitz etwas trägt, das auf solche geheime wunderbare Schelmereien, wie Ihr sie ihm schuld gebt, gedeutet werden könnte – Murr! – Murr! –"
So rief der Meister mich an, und ich unterliess nicht wie gewöhnlich mit meinem Krr – Krr – zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu erheben und einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
Der Professor warf mir voller Zorn mein Manuskript an den Kopf, ich tat aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein) als wollte er mit mir spielen, und zerrte, springend und tänzelnd, die Papiere hin und her, so dass die Stücke umherflogen.
"Nun," sprach der Meister, "nun ist es ausgemacht, dass Ihr ganz unrecht habt, Professor, und dass Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die Gedichte bearbeitet, welcher Dichter würde sein Manuskript handhaben auf die Weise?"
"Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun, was Ihr wollt," erwiderte der Professor und verliess das Zimmer.
Nun glaubte ich, der Sturm sei vorüber, wie sehr war ich im Irrtum! – Meister Abraham hatte sich, mir zum grossen Verdruss, gegen meine wissenschaftliche Bildung erklärt, und demunerachtet er so getan, als glaube er den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald gewahr, dass er mir auf allen Gängen nachspürte, mir den Gebrauch seiner Bibliotek dadurch abschnitt, dass er den Schrank sorgfältig verschloss, und es durchaus nicht mehr leiden wollte, dass ich mich, wie sonst, auf seinen Schreibtisch unter die Papiere legte.
So kam Leid und Kümmernis über meine keimende Jugend! Was kann einem Genie mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu sehen, was kann einen grossen Geist mehr erbittern, als da auf Hindernisse zu stossen, wo er nur allen möglichen Vorschub erwartete! – Doch, je stärker der Druck, desto gewaltiger die Kraft der Entlastung, je straffer der Bogen gespannt, desto schärfer der Schuss! – War mir die Lektüre versperrt, so arbeitete desto freier mein eigner Geist und schuf aus sich selbst.
Unmutig, wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nächte, manche Tage in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mäusefallen aufgestellt waren und sich überdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes versammelten.
Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen überall nicht die geheimsten Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich eben aus denselben das Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen mir auch in den Kellern die Verhältnisse der Mäusefallen und der Katzen in ihrer Wechselwirkung auf. Es wurde mir, als einem Kater von edlem echten Sinn, warm ums Herz, wenn ich gewahren musste, wie jene tote Maschinen in ihrem pünktlichen Treiben eine grosse Schlaffheit in den Katerjünglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und schrieb das unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, nämlich: "Über Mäusefallen und deren Einfluss auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit". In diesem Büchlein hielt ich den verweichlichten Katerjünglingen einen Spiegel vor die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mussten, aller eignen Kraft entsagend, indolent, träge, ruhig es ertragend, dass die schnöden Mäuse nach dem Speck liefen! – Ich rüttelte sie aus dem Schlafe mit donnernden Worten. – Nächst dem Nutzen, den das Werklein schaffen musste, hatte das Schreiben desselben auch noch den Vorteil für mich, dass ich selbst indessen keine Mäuse fangen durfte, und auch nachher, da ich so kräftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte, von mir zu verlangen, dass ich selbst ein Beispiel des von mir ausgesprochenen Heroismus im Handeln geben solle.
Damit könnte ich nun meine erste Lebensperiode schliessen und zu meinen eigentlichen Jünglingsmonaten, die an das männliche Alter streifen, übergehen; unmöglich kann ich aber den günstigen Lesern die beiden letzten Strophen der herrlichen Glosse vorentalten, die mein Meister nicht hören wollte. Hier sind sie:
"Wohl, ich weiss es, widerstehen
Mag man nicht dem süssen Kosen,
Wenn aus büsche duft'ger Rosen
Süsse Liebeslaute wehen.
Will das trunkne auge' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,