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den Gefallen, Meister, und entfernt Euern Liebling, denn ich habe Dinge mit Euch zu reden, die er durchaus nicht hören darf." – "Wer?" rief Meister Abraham, indem er den Professor anstarrte. "Nun," fuhr dieser fort, "Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt nicht weiter, sondern tut, warum ich Euch bitte." – "Das ist doch seltsam," sprach der Meister, indem er die tür des Kabinetts öffnete und mich hineinrief. Ich folgte seinem Ruf, ohne dass er es gewahrte, schlüpfte ich aber wieder hinein und verbarg mich im untersten Fach des Bücherschranks, so dass ich unbemerkt das Zimmer übersehen und jedes Wort, was gesprochen wurde, vernehmen konnte.

"Nun möchte ich," sprach Meister Abraham, indem er sich dem Professor gegenüber in seinen Lehnstuhl setzte, "nun möchte ich doch in aller Welt wissen, welch ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr verschwiegen bleiben soll."

"Sagt mir," begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, "sagt mir zuvörderst, lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, dass, nur körperliche Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rücksicht auf angeborne geistige Fähigkeit, auf Talent, auf Genie, vermöge einer besonders geregelten Erziehung aus jedem kind in kurzer Zeit, mitin noch in den Knabenjahren, ein Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden kann?"

"Ei," erwiderte der Meister, "was kann ich von diesem Grundsatz anders halten, als dass er albern und abgeschmackt ist? Möglich, ja sogar leicht mag es sein, dass man einem kind, das die Auffassungsgabe, wie sie ungefähr bei den Affen anzutreffen, und ein gutes Gedächtnis besitzt, eine Menge Dinge systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den Leuten auskramt; nur muss es diesem kind durchaus an allem natürlichen Ingenium fehlen, da sonst der innere bessere Geist der heillosen Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch einen einfältigen, mit allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick gemästeten Jungen einen Gelehrten im echten Sinne des Worts nennen?"

"Die Welt," rief der Professor heftig, "die ganze Welt! – O, es ist entsetzlich! – Aller Glaube an die innere, höhere, angeborne Geisteskraft, die allein nur den Gelehrten, den Künstler schafft, geht ja über jenen heillosen, tollen Grundsatz zum Teufel!" –

"Ereifert Euch nicht," sprach der Meister lächelnd, "soviel wie ich weiss, ist bis jetzt in unserm guten Teutschland nur ein einziges Produkt jener Erziehungsmetode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeitlang sprach und zu sprechen aufhörte, als sie einsah, dass das Produkt eben nicht sonderlich geraten. Zudem fiel die Blütezeit jenes Präparats in die Periode, als gerade die Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie sonst mühsam abgerichtete Hunde und Affen, gegen ein billiges Entree ihre Künste zeigten."

"So sprecht Ihr nun," nahm der Professor das Wort, "so sprecht Ihr nun, Meister Abraham, und man würde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen Schalk in Euch, wüsste man nicht, dass Euer ganzes Leben eine Reihe der wunderlichsten Experimente darbietet. Gesteht es nur, Meister Abraham, gesteht es nur, Ihr habt ganz im stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach jenem Grundsatz, aber überbieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger jenes Präparats, von dem wir sprachen. – Ihr wolltet, wart Ihr ganz fertig, hervortreten mit Eurem Zögling und alle Professoren in der ganzen Welt in Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den schönen Grundsatz: 'non ex quovis ligno fit Mercurius' ganz und gar zuschanden machen! – Nun! kurz, der quovis ist da, aber kein Mercurius, sondern ein Kater!" – "Was sagt Ihr," rief der Meister, indem er laut auflachte, "was sagt Ihr, ein Kater?"

"Leugnet es nur nicht," fuhr der Professor fort, "leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmetode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so dass er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen."

"Nun," sprach der Meister, "das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, dass ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiss, dieselbe auch für ganz unmöglich halte."

"So?" fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

"sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?

Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,

Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,

Vom Sporn des mächt'gegen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,

Was will dem liebesdrangerfüllten Leben

Dies rastlos brennend feurig-süsse Streben,

Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werde' ich nach fernen Zauberlanden,

Kein Wort, kein laut, die Zunge ist gebunden,

Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische