1820_Hoffmann_040_27.txt

habe er selbst einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehörig anzubringen. Der Grossherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch gelegenheit, mir überhaupt anzudeuten, dass er meine fernere Ausbildung durch eifriges Studium der neuern Italiener hoffe und erwarte. – Wie ich so erbärmlich dastand! – ich verachtete mich selbst tiefalle Demütigungen erschienen mir gerechte Strafe für meinen kindischen aberwitzigen Langmut! – Ich verliess das Schloss, um nie wieder zurückzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine Entlassung fordern, aber selbst dieser Entschluss konnte mich nicht über mich selbst beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Behuf mitgenommen, nahm ich aus dem Wagen, den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins Freie, unaufhaltsam fort, immer weiter fort! – Schon sank die Sonne, immer breiter und schwärzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes. Unerträglich, ja vernichtend, war mir der Gedanke, zurückzukehren nach der Residenz – 'Welche Macht zwingt mich zum Rückweg?' so rief ich laut. Ich wusste, dass ich mich auf dem Wege nach Sieghartsweiler befand, ich gedachte meines alten Meisters Abraham, von dem ich Tages zuvor einen Brief erhalten, worin er, meine Lage in der Residenz ahnend, mich wegwünschte von dort, mich zu sich einlud." –

"Wie," unterbrach die Rätin den Kapellmeister, "wie, Sie kennen den wunderlichen Alten?"

"Meister Abraham", fuhr Kreisler fort, "war der innigste Freund meines Vaters, mein Lehrer, zum teil mein Erzieher! – Nun, Verehrte, wissen Sie ausführlich, wie ich in den Park des wackern Fürsten Irenäus kam, und werden nicht mehr daran zweifeln, dass ich, kommt es darauf an, imstande bin, ruhig, mit erforderlicher historischer Genauigkeit und so angenehm zu erzählen, dass mir selbst davor graut. Überhaupt kommt mir die ganze geschichte meiner Flucht aus der Residenz, wie gesagt, so albern vor und von solch allen Geist zerstörender Nüchternheit, dass man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche Schwachheit zu verfallen. – Möchten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als krampfstillendes wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit sie sich beruhige, und daran denken, dass ein ehrlicher deutscher Musikus, den, als er gerade seidene Strümpfe angezogen und sich in einem saubern Kutschkasten vornehm gebärdete, Rossini und Pucitta und Pavesi und Fioravanti und Gott weiss, welche andere inis und ittas in die Flucht schlugen, sich unmöglich sehr gescheit betragen kann. Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! – Als poetischen Nachklang des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Rätin, dass in dem Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich der süsseste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Dämon eben das tiefste Geheimnis meiner Brust zuschanden zu machen, da rührte der mächtige Geist der Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen Rauschen erwachte der Trost, die Hoffnung, ja selbst die sehnsucht, die die unvergängliche Liebe selbst ist und das Entzücken ewiger Jugend. – Julia sang!" –

Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun nachfolgen würde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu verlieren schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: "Sie finden den Gesang meiner Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?"

Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein Seufzer aus der tiefsten Brust.

"Nun," fuhr die Rätin fort, "das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen, lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn dass Sie hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an."

"Verehrteste," begann Kreisler, aber in dem Augenblick öffnete sich die tür, und Julia trat hinein.

Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklärte ihr holdes Antlitz ein süsses Lächeln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.

Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und führte ihn Julien entgegen, indem sie sprach: "Nun mein Kind, da ist der seltsame – –"

(M. f. f.) – der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das neben mir lag, fasste es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zähne und rannte damit spornstreichs auf und davon. Er stiess dabei ein schadenfrohes Gelächter aus, und schon dies hätte mich vermuten lassen sollen, dass nicht blosser jugendlicher Mutwille ihn zur bösen Tat spornte, sondern dass noch etwas mehr im Spiele war. Bald wurde ich darüber aufgeklärt.

Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten, hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr Lotario, Professor der Ästetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. – Nach gewöhnlicher Begrüssung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach, als er mich erblickte: "Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen dort aus der stube entfernen?" – "Warum," fragte der Meister, "warum? – Ihr konntet doch sonst die Katzen leiden, Professor, und vorzüglich meinen Liebling, den zierlichen, gescheiten Kater Murr!" – "Ja," sprach der Professor, indem er höhnisch lachte, "ja zierlich und gescheit, das ist wahr! – Aber tut mir