Weg kam, Magdala Sigrun geheissen, die du schon kennst. An den Meister wandte sich die Alte, als das Schrecklichste geschehen, und ihm vertraute sie, ehe sie Neapel verliess, jenes Bildnis, dessen Geheimnisse du noch nicht kennst. Drücke den stählernen Knopf an dem rand, dann springt Antonios Bildnis, das nur einer Kapsel zum Deckel dient, auf, und du erblickst nicht allein Angelas Bildnis, sondern dir fallen auch noch ein paar Blättchen in die hände, die von der äussersten Wichtigkeit sind, da sie dir den Beweis des doppelten Mordes liefern. – Du siehst nun, warum dein Talisman so kraftvoll wirkt. – Meister Abraham soll noch mit dem Bruderpaar in mancherlei Berührung gekommen sein, doch davon wird er dir selbst noch besser erzählen können als ich. – Lass uns jetzt hören, Johannes, wie es mit dem kranken Bruder Cyprianus steht!" –
"Und das Mirakel?" So fragte Kreisler, indem er den blick auf die Stelle der Wand über dem kleinen Altar warf, wo er selbst mit dem Abt das Bild, dessen sich der geneigte Leser wohl noch erinnert, befestigt hatte. Nicht wenig verwunderte er sich aber, als er statt dieses Bildes wieder Leonardo da Vincis heilige Familie erblickte, die ihren alten Platz eingenommen. – "Und das Mirakel?" – fragte Kreisler zum zweitenmal. "Ihr meint," erwiderte der Abt mit seltsamem blick, "Ihr meint das schöne Bild, welches sonst hier aufgehängt war? – Ich habe es unterdessen in den Krankensaal aufstellen lassen. Vielleicht stärkt der Anblick unsern armen Bruder Cyprianus, vielleicht hilft ihm die Hochgebenedeite zum zweitenmal." –
Kreisler fand auf seinem Zimmer ein Schreiben des Meisters Abraham des Inhalts:
"Mein Johannes!
Auf! – auf! – verlasst die Abtei, eilt her, so schnell Ihr könnt! – Der Teufel hat hier zu seiner Lust eine ganz besondere Hetzjagd angestellt! – Mündlich mehr, das Schreiben wird mir blutsauer, denn es steckt mir alles im Halse und droht mich zu ersticken. Von mir, von dem Hoffnungsstern, der mir aufgegangen, nicht ein Wort. Nur so viel in aller Eil'. – Die Rätin Benzon findet Ihr nicht mehr, wohl aber die Reichsgräfin von Eschenau. Das Diplom aus Wien ist angekommen und die künftige Heirat Julias mit dem würdigen Prinzen Ignaz so gut wie erklärt. Fürst Irenäus beschäftigt sich mit der idee des neuen Trons, auf dem er sitzen wird als regierender Herr. Die Benzon oder vielmehr die Gräfin von Eschenau hat ihm das versprochen. Prinz Hektor hat indessen Versteckens gespielt, bis er nun wirklich fortmusste zur Armee. – Bald kehrt er wieder, und dann soll eine Doppeltochzeit gefeiert werden. – Es wird lustig sein. – Die Trompeter spülen sich schon die Gurgeln aus, die Fiedler schmieren die Bogen, die Lichtzieher in Sieghartsweiler giessen die fackeln – aber! – – Nächstens ist der Namenstag der Fürstin, da unternehm' ich Grosses, aber Ihr müsst hier sein. kommt nur lieber gleich auf der Stelle, wenn Ihr dies gelesen habt! Lauft, was Ihr könnt. Bald sehe' ich Euch. – Apropos! – Nehmt Euch doch vor den pfaffen in acht, aber den Abt lieb' ich sehr. – Adieu!" So kurz und so inhaltsreich war dies Brieflein des alten Meisters, dass –
Nachschrift des Herausgebers8
Am Schluss des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt, den geneigten Lesern eine sehr betrübte Nachricht mitzuteilen. – Den klugen, wohlunterrichteten philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der bittre Tod dahin gerafft mitten in seiner schönen Laufbahn. Er schied in der Nacht vom neunundzwanzigsten bis zum dreissigsten November nach kurzen, aber schweren Leiden mit der Ruhe und Fassung eines Weisen dahin. – So gibt es wieder einen Beweis, dass es mit den frühreifen Genies immer nicht recht fort will; entweder sie steigen in einem Antiklimax hinab zur charakter- und geistlosen Gleichgültigkeit und verlieren sich in der Masse, oder sie bringen es in Jahren nicht hoch. – Armer Murr! der Tod deines Freundes Muzius war der Vorbote deines eignen, und sollt ich dir den Trauersermon halten, er würde mir ganz anders aus dem Herzen kommen als dem teilnahmelosen Hinzmann; denn ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen – Nun! – schlafe wohl! – Friede deiner Asche! –
Schlimm ist es, dass der Verblichene seine Lebensansichten nicht geendet hat, die also Fragment bleiben müssen. Dagegen haben sich in den nachgelassenen Papieren des verewigten Katers noch so manche Reflexionen und Bemerkungen gefunden, die er in der Zeit aufgeschrieben zu haben scheint, als er sich bei dem Kapellmeister Kreisler befand. Ferner war aber auch noch ein guter teil des von dem Kater zerrissenen buches vorhanden, welches Kreislers Biographie entält.
Der Herausgeber findet es daher der Sache nicht unangemessen, wenn er in einem dritten Bande, der zur Ostermesse erscheinen soll, dies von Kreislers Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mitteilt und nur hin und wieder an schicklichen Stellen das einschiebt, was von jenen Bemerkungen und Reflexionen des Katers der weitern Mitteilung wert erscheint.
Fussnoten
1 E. T. A. Hoffmanns. 2 Taschenbuch zum geselligen Vergnügen bei Gleditsch, 1820. 3 Der Abt Gattoni zu Mailand liess von einem Turme zum andern fünfzehn eiserne saiten ausspannen und dergestalt stimmen, dass sie die diatonische Tonleiter angaben. Bei jeder Veränderung in der Atmosphäre erklangen diese saiten stärker oder schwacher, nach dem Mass jener Veränderung. Man nannte diese Äolsharfe im