1820_Hoffmann_040_160.txt

Monachus in claustro non valet ova duo: sed quando est extra, bene valet triginta. – Er wird denn auch wohl Wunder tunSeht, Kreisler, seht, da kommt er den gang heraufEr hat uns erblickt und weiss, wie er sich gebärden muss." –

Kreisler erblickte den Mönch Cyprianus, der langsam feierlichen Schrittes, den stieren blick zum Himmel gerichtet, die hände gefaltet, wie in einer frommen Ekstase begriffen, den Laubgang hinaufkam.

Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den Anblick des Mönchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas Seltsames, Fremdartiges trug, das ihn unter allen übrigen Menschen auszuzeichnen schien. Ein grosses ungewöhnliches Verhängnis lässt lesbare Spuren zurück, und so mocht' es auch sein, dass ein wunderbares Geschick des Mönchs äussere Erscheinung gestaltet hatte, wie sie sich nun eben zeigte.

Der Mönch wollte vorüberschreiten, ohne in seiner Verzückung Kreislern zu bemerken, der fühlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten des Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten Kunst in den Weg zu treten.

Er tat es mit den Worten: "Erlaubt, ehrwürdiger Herr, dass ich Euch meinen Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer kräftiges Wort zur rechten Zeit aus den Händen des groben Lümmels von Zigeunerbuben, er hätte mich erwürgt wie ein gestohlnes Huhn!" –

Der Mönch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand über die Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als müsse er sich auf ihn besinnen. Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren durchbohrenden Ernst, und, Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit starker stimme: "Verwegener frevelhafter Mensch, Ihr hättet verdient, dass ich Euch hinfahren liess in Euern Sünden! Seid Ihr nicht der, der den heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste Stütze der Religion, profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht, der hier durch eitle Kunststücke die frömmsten Gemüter betörte, dass sie sich abwandten von dem Heiligen und weltlicher Luft frönten in üppigen Liedern?" Kreisler fühlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwürfe ebenso verletzt als erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mönchs, der mit so leichten Waffen zu bekämpfen.

"Ist es," sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mönch fest ins Auge blickend, "ist es sündhaft, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brünstigsten Andacht, ja die Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es sündhaft, sich auf den Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen über alles Irdische und in frommer sehnsucht und Liebe hinaufzustreben nach dem Höchsten, so habt Ihr recht, ehrwürdiger Herr, so bin ich ein arger Sünder. Erlaubt aber, dass ich der entgegengesetzten Meinung bin und fest glaube, dass dem Kultus der Kirche die wahrhafte Glorie der heiligsten Begeisterung fehlen würde, wenn der Gesang schweigen sollte."

"So flehet," erwiderte der Mönch strenge und kalt, "so flehet zur heiligen Jungfrau, dass sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen Irrtum erkennen lassen möge."

"Ein Komponist6", sprach Kreisler sanft lächelnd, "wurde von jemanden gefragt, wie er es denn anfange, dass seine geistlichen Kompositionen durchaus andächtige Begeisterung atmeten. 'Wenn es', erwiderte darauf der fromme kindliche Meister, 'mit dem Komponieren nicht so recht fort will, so bete ich, im Zimmer auf und ab gehend, einige Ave, und dann kommen mir die Ideen wieder.' Derselbe Meister sagte von einem andern grossen geistlichen Werk7: 'Erst als ich zur Hälfte in meiner Komposition vorgerückt war, merkte ich, dass sie geraten wäre; ich war auch nie so fromm als während der Zeit, da ich daran arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möge.' – Mich will bedünken, ehrwürdiger Herr, als wenn weder dieser Meister noch der alte Palestrina sich um Sündhaftes bemüht, und dass nur ein in asketischer Verstockteit erkaltetes Herz nicht zu der höchsten Frömmigkeit des Gesanges entflammt werden kann."

"Menschlein," fuhr der Mönch zornig auf, "wer bist du denn, dass ich mit dir, der du dich hinwerfen müsstest in den Staub, rechten soll? – Fort aus der Abtei, damit du nicht länger das Heilige verstörst!" –

Tief empört über des Mönchs gebieterischen Ton, rief Kreisler heftig: "Und wer bist du denn, wahnsinniger Mönch, dass du dich erheben willst über alles, was menschlich? – Bist du frei geboren von der Sünde? – Hast du nie über Gedanken der Hölle gebrütet? Bist du nie ausgewichen auf dem schlüpfrigen Pfad, den du wandeltest? Und wenn die heilige Jungfrau dich wirklich gnadenvoll dem tod entriss, den du vielleicht irgendeiner grauenvollen Tat verdanktest, so geschah es, dass du, in Demut deine Sünde erkennen und sie büssen, nicht aber mit freveliger Prahlerei dich der Gnade des himmels, ja der heiligen Krone rühmen solltest, die du niemals erwerben wirst."

Der Mönch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben sprühenden Blicken, indem er unverständliche Worte lallte.

"Und," fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt, "und, stolzer Mönch, als du noch diesen Rock trugst –"

Damit hielt Kreisler das Bild, das er vom Meister Abraham erhalten, dem Mönch vor Augen; doch sowie