dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein könne, als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten. – Ich bin jetzt anderer Meinung und würde Euch raten, so lieb und wert Ihr mir auch geworden, die Abtei recht bald zu verlassen. – Werdet nicht irre an mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustossen droht, was ich mit Mühe geschaffen, mich unterwerfe. – Tief müsstet ihr in die Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich auch mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden. – Doch freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt also, dass in kurzer Zeit der Aufentalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohltätige Ruhe gewähren wie bisher, ja, dass Euer innerstes Streben einen tödlichen Stoss erhalten und das Kloster Euch ein öder, trostloser Kerker dünken wird. Die ganze Klosterordnung ändert sich, die mit frommer Sitte vereinbare Freiheit hört auf, und der finstre Geist fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen Mauern. – O mein Johannes, Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr unsern Geist erheben zur höchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft, und bald hört man nichts als die eintönigen Responsorien, von den ältesten Brüdern mühsam gelallt mit heiserer unreiner stimme." –
"Und," fragte Kreisler, "und alles dieses geschieht auf Anlass des fremden Mönchs Cyprianus?"
"Es ist," erwiderte der Abt beinahe wehmütig, indem er die Augen niederschlug, "es ist dem so, guter Johannes, und dass es nicht anders sein kann, daran bin ich nicht schuld. – Doch," setzte der Abt nach kurzem Stillschweigen mit erhöhter feierlicher stimme hinzu, "doch alles, wodurch der feste Bau, der Glanz der Kirche befördert werden kann, muss geschehen, und kein Opfer ist zu gross!" –
"Wer ist," sprach Kreisler unmutig, "wer ist denn der hohe mächtige Heilige, der über Euch gebietet, der imstande war, durch das blosse Wort mir jenen mörderischen Burschen vom leib zu schaffen?"
"Ihr seid," erwiderte der Abt, "Ihr seid, lieber Johannes, in ein Geheimnis verflochten, ohne es zurzeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt ihr mehr, vielleicht mehr, als ich selbst davon weiss, und zwar durch den Meister Abraham. – Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist einer der Erkornen. Er wurde gewürdigt, mit den ewigen Mächten des himmels in unmittelbare Berührung zu treten, und wir müssen schon jetzt in ihm den Heiligen verehren. – Was jenen verwogenen Burschen betrifft, der sich während der Exequien in die Kirche geschlichen hatte und Euch mörderisch anpackte, so ist er ein verlaufener, halb wahnsinniger Zigeunerbube, den unser Vogt schon einige Mal hat derb auspeitschen lassen, weil er den Leuten im dorf die fetten Hühner aus den Ställen gestohlen. Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besonderen Mirakels." – Indem der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises ironisches Lächeln in den Mundwinkeln und verschwand ebenso schnell.
Kreisler erfüllte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, dass der Abt bei allen Vorzügen seines Geistes, seines Verstandes lügnerische Gaukelei trieb, und dass alle Gründe, die er damals anführte, um ihn zum Eintritt ins Kloster zu bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht zum Vorwand dienen sollten als diejenigen, die er nun für das Gegenteil aufstellte. – Kreisler beschloss, die Abtei zu verlassen und sich aller bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei längerem Bleiben noch verstricken konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen, völlig zu entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zurückkehren könne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er sie ja wiedersehen, wieder hören könne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fühlte er in der Brust jene süsse Beklemmung, in der sich die glühendste Liebessehnsucht kundtut. –
Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn der Pater Hilarius ereilte und sogleich begann: "Ihr wart beim Abt, Kreisler, er sagte Euch alles! – Nun, hatte ich recht? – Wir sind alle verloren! – Dieser geistliche Komödiant – es ist heraus, das Wort, wir sind unter uns! – Als er – Ihr wisst, wen ich meine – in der Kutte nach Rom kam, liess ihn die päpstliche Heiligkeit sogleich zur Audienz. Er fiel nieder auf die Knie und küsste den Pantoffel. Ohne einen Wink aufzustehen, liess ihn aber die päpstliche Heiligkeit eine ganze Stunde lang liegen. 'Das sei deine erste kirchliche Strafe,' fuhr die Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun eine lange Predigt über die sündlichen Irrtümer, in die Cyprianus verfallen. – nachher erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen Gemächern und zog denn aus! – Es hat lange keinen Heiligen gegeben! – Das Mirakel – nun, Ihr habt das Bild gesehen, Kreisler – das Mirakel, sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt erhalten. – Ich bin nichts als ein ehrlicher Benediktiner-Mönch, ein tüchtiger praefectus chori, wie Ihr mir einräumen werdet, und trinke der alleinseligmachenden Kirche zu Ehren gern ein Gläschen Nierensteiner oder Bocksbeutel, aber! – Mein Trost ist, dass er nicht lange hier bleiben wird. – Herumziehen muss er.