sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! – Schlage die Augen auf, Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewahrst, dass die Sünde keinen teil hat an mir! – aber du vermagst es nicht! – Wer hiess dich das Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du trügerisches Spiel mit dem Morde und warst nicht gefasst, es zu verlieren? – Aber deine Züge sind sanft und gut, du stiller blasser Jüngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sünde weggelöscht von deinem schönen Antlitz, und ich könnte sagen, der Himmel hätte dir sein Gnadentor geöffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn sich das jetzt ziemte. – Doch wie! – wenn ich mich in dir geirrt? – Wenn nicht du, kein böser Dämon, nein, wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben, um mich dem entsetzlichsten Verhängnis zu entreissen, das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert? – Nun magst du die Augen aufschlagen, blasser Jüngling, nun magst du mit einem blick der Versöhnung alles, alles entdecken, und sollt' ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst, dass der schwarze Schatten, der hinter mir schleicht, mich nun gleich erfassen wird. – Ja! schaue mich an, – doch! nein, nein, du könntest mich anblikken wie Leonhard Ettlinger, ich könnte glauben, du seist er selbst, und da müsstest du mit mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme vernehme. – Doch wie, du lächelst? – deine Wangen, deine Lippen färben sich? Trifft dich nicht die Waffe des Todes? – Nein, nicht noch einmal will ich mit dir ringen, aber –"
Kreisler, der während dieses Selbstgesprächs unbewusst auf einem Knie gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestützt und die hände unter das Knie gestemmt hatte, fuhr hastig auf und würde gewiss Seltsames, Wildes begonnen haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche, und die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das "Salve regina". Der Sarg wurde verschlossen, und die Mönche schritten feierlich von dannen. – Da liessen die finstern Geister ab von dem armen Johannes, und ganz aufgelöst in Wehmut und Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Mönchen. Eben wollte er hinausschreiten zur tür, als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn losschritt.
Die Mönche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen grossen stämmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte. Sein Antlitz, nichts weniger als hässlich zu nennen, trug den Ausdruck des wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf, das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Blösse, und ebensolche Schifferhosen gingen nur bis an die blossen Waden, so dass der herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar.
"Du Verdammter, wer hiess dich meinen Bruder ermorden?" So schrie der Bursche wild auf, dass es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger auf Kreisler los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der Kehle.
Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff, an Gegenwehr denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker gebietender stimme: "Giuseppo, verruchter sündhafter Mensch! was machst du hier? Wo hast du die Altmutter gelassen? – Packe dich augenblicklich fort! – Hochehrwürdiger Herr Abt, lasst die Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den mörderischen Buben zum Kloster hinauswerfen!"
Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor ihm stand, sogleich von Kreisler abgelassen. "Nun, nun," rief er mürrisch, "macht nur nicht gleich ein solches tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, Herr Heiliger! – Ich gehe ja schon von selbst, Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich loshetzen." – Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, die man zu verschliessen vergessen, und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber keinen Anlass, den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.
Es lag in Kreislers natur, dass gerade die Spannung des Ausserordentlichen, des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte, sobald er den Sturm des Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, siegreich bekämpft.
So geschah es, dass dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen musste, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschütternden Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umständen der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden wollen, und den er in gerechter Notwehr erschlagen.
"Weder," sprach der Abt, "weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch, lieber Johannes, irgendeine strafbare Schuld an dem tod jenes sündhaften Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer inneren stimme verwinden können, die Euch sagt, es sei besser gewesen, selbst zu fallen als den Gegner zu töten, und dies beweiset, dass der ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefälliger ist als seine Erhaltung, kann diese nur durch eine rasche blutige Tat geschehen. – Doch lasst uns zurzeit davon abbrechen, da ich anderes, Näherliegendes mit Euch zu reden.
Welcher sterbliche Mensch ermisst, wie der kommende Augenblick die Gestaltung der Dinge ändern kann. – Nicht lange ist es her, als ich fest überzeugt war, dass