Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den Worten: "fräulein Benzon, wenn ich nicht irre?"
"Eine Freundin der Prinzessin von der frühsten Kindheit her, gleichsam ein Schwesternpaar!" – Während der Fürst diese Worte sprach, hatte der Prinz Julias Hand gefasst und ihr leise, leise zugehaucht: "Nur du bist's, die ich meine!" – Julia schwankte, Tränen der bittersten Angst drängten sich unter den Wimpern hervor; sie wäre niedergestürzt, hätte die Prinzessin nicht schnell einen Sessel herbeigeschoben.
"Julia," sprach die Prinzessin leise, indem sie sich über die Ärmste hinüberbeugte, "Julia, fasse dich doch nur! – Ahnest du denn nicht den harten Kampf, den ich kämpfe?" – Der Fürst öffnete die tür und rief nach Eau de Luce. "Solches," sprach der ihm entgegentretende Meister Abraham, "solches führe ich nicht bei mir, aber guten Äter. Ist jemand ohnmächtig geworden? – Äter hilft auch!"
"So kommt," erwiderte der Fürst, "so kommt schnell hinein, Meister Abraham, und helft fräulein Julien."
Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete begeben.
Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien sich zu sträuben, kalter Angstschweiss ihm auf der Stirne zu stehen. Einen Schritt vorwärts, den Leib zurückgebogen, die arme dem Meister entgegengestreckt, war er dem Macbet zu vergleichen, wenn plötzlich Bankos entsetzliches blutiges Gespenst den leeren Platz der Tafel füllt. – Ruhig holte der Meister sein Fläschchen hervor und wollte sich Julien nahen.
Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. "Severino, seid Ihr's selbst?" – So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten Entsetzens. "Allerdings," erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus seiner Ruhe zu kommen, oder nur die Miene zu verändern, "allerdings. Es ist mir lieb, dass Ihr Euch meiner erinnert, gnädigster Herr; ich hatte die Ehre, Euch vor etlichen Jahren in Neapel einen kleinen Dienst zu erzeigen."
Der Meister trat noch einen Schritt vorwärts, da fasste ihn der Prinz beim Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes Gespräch, von dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es zu schnell und im neapolitanischen Dialekt geführt wurde.
"Severino! – Wie kam der Mensch zu dem Bildnis?"
"Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch."
"Weiss er?"
"Nein!"
"Werdet Ihr schweigen?"
"Zurzeit – ja!"
"Severino! – Alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! – Was nennt Ihr zurzeit?"
"Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe lasst und auch jene da!" –
– Nun liess der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. – Julia hatte sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck herzzerreissender Wehmut den Meister Abraham anschauend, lispelte sie mehr, als dass sie sprach: "O mein guter lieber Meister, Ihr könnt mich wohl retten! – Nicht wahr, Ihr gebietet über so manches? – Eure Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken!" – Der Meister gewahrte in Julias Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem Gespräch, als habe sie in der höhern Erkenntnis des Traums alles verstanden und wisse um das ganze Geheimnis!
"Du bist," sprach der Meister Julien leise ins Ohr, "du bist ein frommer Engel, und darum hat der finstre Höllengeist der Sünde keine Macht über dich. Vertraue dich mir ganz; fürchte nichts und fasse dich mit aller Kraft des Geistes. – Denke auch an unsern Johannes."
"Ach," rief Julia schmerzlich, "ach, Johannes! – er kehrt zurück, nicht wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!"
"Gewiss," erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia verstand ihn. –
Der Prinz mühte sich, unbefangen zu scheinen; er erzählte, dass der Mann, den man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren Jahren in Neapel Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in die er, der Prinz, selbst verflochten, wie er gestehen müsse. – Die Begebenheit zu erzählen, sei jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er künftig damit nicht zurückhalten. –
Der Sturm im inneren war zu heftig, als dass sein Tosen nicht auf der Oberfläche hätte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen verstörtes Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr schlecht überein mit dem gleichgültigen Gespräch, zu dem er sich nun zwang, um nur über den kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem Prinzen gelang es der Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu besiegen. Mit der Ironie, die selbst den Argwohn, die Verbittrung verflüchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den Prinzen umher in dem Labyrint seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste Weltmann, noch mehr, ausgerüstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger und zündender die Blitze des geistreichsten Spottes einschlugen, desto verwirrter, beängstigter schien sich der Prinz zu fühlen, bis dies Gefühl zum Unerträglichen stieg und er sich schnell entfernte.
Dem Fürsten geschah das, was ihm bei solchen