wäre bei mir, ein tüchtiger Arbeiter säss' ich in der Werkstatt, und rüstige Gesellen klopften und hämmerten um mich her, und wir förderten Werke, die sich hören und sehen liessen wie keine andere weit und breit. – Und Chiara! – vielleicht hingen muntre Knaben mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein schmuckes Töchterlein auf den Knien. – Tausend Teufel, was hält mich ab, dass ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorne Weib suche in der ganzen weiten Welt!" – Damit warf Meister Abraham, der dies Selbstgespräch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie alles Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf und schritt heftig hin und her. – Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verliess, rief alle schmerzliche Wehmut in seinem inneren hervor, und wie mit Chiara damals sein höheres Leben begonnen, verliess ihn auch jetzt jener trotzige, dem Gemeinen entsprossene Unwille darüber, dass er über sein Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen. – Er schlug Severinos Buch auf und schaute lange die holde Chiara an. – Wie ein Mondsüchtiger, der, der äusseren Sinne beraubt, nur nach dem inneren Gedanken automatisch handelt, ging Meister Abraham dann zu einem Kasten, der in einem Winkel des Zimmers stand, räumte Bücher und Sachen, womit er bepackt, herunter, öffnete ihn, nahm die Glaskugel, den ganzen Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen hervor, befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur, die von der Decke herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem versteckten Orakel nötig. Erst als er mit allem fertig geworden, erwachte er aus der träumerischen Betäubung und erstaunte nicht wenig darüber, was er begonnen. "Ach," jammerte er dann laut, indem er ganz ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, "ach, Chiara, arme, verlorne Chiara, niemals werde' ich wieder deine süsse stimme verkünden hören, was in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost mehr auf Erden, – keine Hoffnung als das Grab!" – Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton liess sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:
"Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
blick' auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn."
"O du barmherziger Himmel," lispelte der Alte mit bebenden Lippen, "sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!" – Da liess sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:
"Nicht erfasst der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreisst dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew'ge Macht gebot."
Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süssen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –
– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muss, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges entalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht. Also weiter heisst es:
– – – nicht erwarten durfte. Fürst Irenäus war überhaupt ein abgesagter Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen, vorzüglich wenn seine eigne person in Anspruch genommen wurde, die Sache näher zu untersuchen. Er nahm daher, wie er es in kritischen Fällen zu tun pflegte, eine Doppeltprise, starrte den Leibjäger an mit dem bekannten niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: "Lebrecht, ich glaube, wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster und machen einen ganz unnötigen Hallas?"
"Durchlauchtigster Herr," erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung, "lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft, wenn nicht alles buchstäblich wahr ist, wie ich es erzählt habe. Ich wiederhole es keck und freimütig: Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube."
"Wie," rief der Fürst in vollem Zorn, "wie, Rupert, mein alter treuer Kastellan, der funfzig Jahre dem Fürstenhause gedient, ohne jemals ein Schloss einrosten zu lassen oder im Auf- und Zuschliessen zu mankieren, der soll ein Spitzbube sein? Lebrecht! – Er ist besessen, Er ist rasend! Himmeltausend Sapp –"
Der Fürst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das allem fürstlichen Anstande entgegen. Der Leibjäger nutzte diesen Augenblick, um ganz geschwinde einzufallen: "Durchlauchtigster Herr werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so grässlich, und man darf über so etwas doch nicht schweigen, man kann doch nichts behaupten als die reine Wahrheit." – "Wer ist hitzig,"