Er schien auf besondere Gedanken zu geraten; mehrmals hintereinander murmelte er in sich hinein: 'Ponto! – Ponto, wenn das möglich sein sollte!'
Wir hatten einen nahegelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm Platz mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmütige Herr Professor nicht befand. Unfern davon setzte sich Baron Wipp, so dass er, ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden, die Professorin beständig im Auge behielt. Ich stellte mich vor meinen Herrn und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif wedelte, als erwarte ich seine Befehle. 'Ponto', wiederholte er, 'Ponto, sollte es möglich sein!' – 'Nun', setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, 'nun, es kommt auf den Versuch an!' – Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn zusammen, steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin und rief leise: 'Ponto – Allons!' – Nicht ein solcher kluger, in der Welt gewitzigter Pudel hätte ich sein müssen, als ich es wirklich bin, um nicht sogleich alles zu erraten. Ich machte mich daher sogleich an den Tisch, wo die Professorin sass, und tat, als verspüre ich grossen Appetit nach dem schönen Kuchen, der auf dem Tische stand. Die Professorin war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit der einen Hand, während sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fühlte, wie sie den Papierstreifen hervorzog. Bald darauf verliess sie die Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah, wie sie des baron Worte eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkästchen einen Bleistift hervorholte, auf denselben Zettel einige Worte schrieb und ihn dann wieder zusammenrollte. 'Ponto', sprach sie dann, indem sie mich mit schalkischem blick betrachtete, 'Ponto! du bist ein sehr kluger vernünftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst!' – Damit steckte sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterliess nicht, eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmasste sogleich, dass ich Antwort brächte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande hervor. – Der Professorin Worte mussten sehr tröstlich lauten und angenehm, denn des baron Augen funkelten vor lauter Freude, und er rief entzückt: 'Ponto – Ponto, du bist ein herrlicher Pudel, mein guter Stern hat mir dich zugeführt.' Du kannst denken, guter Murr, dass ich nicht weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem, was sich soeben zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse.
In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur mögliche Kunststücke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf, verschmähte das Stück Weissbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das vom Christen u.s.w. 'Ein ungemein gelehriger Hund!' So rief eine alte Dame, die neben der Professorin sass, herüber. 'Ungemein gelehrig!' erwiderte der Baron. 'Ungemein gelehrig!' hallte der Professorin stimme nach wie ein Echo. – Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter Murr, dass ich den Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und noch jetzt besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der Abenddämmerung der Herr Baron Alzibiades von Wipp zur holden Lätitia, so bleibe ich vor der Haustüre und mache, lässt sich der Herr Professor nur in der Ferne blicken, solch einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen, dass mein Herr ebensogut als ich die Nähe des Feindes wittert und ihm ausweicht." –
Mir kam es vor, als könne ich Pontos Betragen doch nicht recht billigen, ich dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen Abscheu vor jedem Halsbande, und schon dies setzte mich darüber ins klare, dass ein ehrliches Gemüt, so, wie es ein rechtschaffener Kater in sich trägt, dergleichen Liebeskuppeleien verschmähe. Alles dieses äusserte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen. Der lachte mir aber ins Gesicht und meinte, ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei, und ob ich selbst nicht schon hin und wieder über die Schnur gehauen, d.h. etwas getan, was für den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit sei. – Ich dachte an Mina und verstummte.
"Fürs erste," sprach Ponto weiter, "fürs erste, mein guter Murr, ist es ein ganz gemeiner Erfahrungssatz, dass niemand seinem Schicksal entgehen kann, er mag es nun anstellen, wie er auch will; du kannst als ein Kater von Bildung das Weitre darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz angenehm stilisierten buch, 'Jacques le fataliste' betitelt. War es nach dem ewigen Ratschluss bestimmt, dass der Professor der Ästetik, Herr Lotario, ein – Nun, du verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja der Professor durch die Art, wie er sich bei der merkwürdigen Handschuhgeschichte – sie sollte mehr Zelebrität erhalten, schreibe was darüber, Murr – benommen, seinen ganz entschiedenen, ihm von der natur eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen grossen Orden zu treten, den so viele, viele Männer tragen mit der gebietendsten Würde, mit dem schönsten Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hätte Herr Lotario erfüllt, gäb' es auch keinen