er meinesgleichen noch niemals gesehen, schrie mir die gröbsten Insolenzen in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif, den ich lang aus von mir gestreckt, welches ihm zu missfallen schien. Sowie ich aber hochaufgerichtet mich zur Wehre setzen wollte, war Ponto auch schon auf den ungesitteten Krakehler losgesprungen, hatte ihn zu Boden getreten und zwei-, dreimal überrannt, so dass er unter dem jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell davonfuhr wie ein abgeschossener Pfeil.
Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner tätigen Freundschaft gab, rührte mich ungemein, und ich dachte, dass hier das: "au fond ist er ein guter Kerl!" welches der Onkel Skaramuz mir hatte verdächtig machen wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinn und ihn mit mehrerem grund entschuldigen könne als manchen andern. Überhaupt wollt' es mich bedünken, dass der Alte gewiss zu schwarz gesehen und Ponto zwar leichtsinnige, aber nie schlechte Streiche machen könne. Alles dieses äusserte ich meinem Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm dabei dafür, dass er meine Verteidigung übernommen, in den verbindlichsten Ausdrücken.
"Es freut," erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art war, mit muntren schalkischen Augen umherblickte, "es freut mich, guter Murr, dass der pedantische Alte dich nicht irregemacht hat, sondern dass du mein gutes Herz erkennst. – Nicht wahr, Murr, ich nahm den übermütigen Jungen tüchtig vor? – Er wird daran denken lange Zeit. eigentlich habe ich ihm heute schon den ganzen Tag aufgepasst, der Bengel stahl mir gestern eine Wurst und musste dafür gezüchtigt werden. Dass dabei auch nebenher die Unbill gerächt wurde, die du von ihm erfahren, und dass ich in dieser Art dir meine Freundschaft bewähren konnte, ist mir gar nicht unlieb; ich schlug, wie man im Sprüchwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe. – Nun aber wiederum auf unser voriges Gespräch zurückzukommen! – Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau und sage mir, ob du denn gar keine merkwürdige Veränderung in meinem Äussern wahrnimmst?" –
Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und – ach der Tausend! nun erst fiel mir das silberne, zierlich gearbeitete Halsband ins Auge, das er trug, und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alzibiades von Wipp. Marschallstrasse Nr. 46.
"Wie," rief ich erstaunt, "wie, Ponto, du hast deinen Herrn verlassen, den ästetischen Professor, und dich zu einem Baron begeben?"
"Verlassen," erwiderte Ponto, "habe ich nun eigentlich den Professor nicht, sondern er hat mich von sich gejagt mit Fusstritten und Prügeln."
"Wie konnte das geschehen?" sprach ich, "dein Herr bewies dir ja sonst alle Liebe und Güte wie nur möglich."
"Ach," antwortete Ponto, "das ist eine dumme ärgerliche geschichte, die nur durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glück ausschlug. An der ganzen Sache war bloss meine alberne Gutmütigkeit schuld, der freilich ein wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder Minute wollt' ich meinem Herrn Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei mein Geschick, meine Ausbildung zeigen. Deshalb war ich auch gewohnt, alles, was an Kleinigkeiten am Fussboden lag, dem Herrn ohne weitere Aufforderung zu apportieren. Nun! – Du weisst vielleicht, dass der Professor Lotario eine blutjunge und dabei bildhübsche Frau hat, die ihn auf das zärtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie es ihm jeden Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen überhäuft, wenn er, in Büchern begraben, sich auf die zu haltende Vorlesung vorbereitet. Sie ist die Häuslichkeit selbst, da sie das Haus niemals vor zwölf Uhr verlässt, da sie doch schon um halb elf Uhr aufgestanden, und, einfach in ihren Sitten, verschmäht sie nicht, mit der Köchin, mit dem Stubenmädchen die häuslichen Angelegenheiten bis ins tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser, nicht etatsmässiger Ausgaben halber zu früh aus dem Beutel entwischt, und darf der Herr Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die Zinsen dieser Anlehne trägt sie ab in kaum getragnen Kleidern, sowie diese und auch wohl Federhüte, in die die erstaunte Welt der Mägde Sonntags das Stubenmädchen geputzt sieht, als Lohn für gewisse geheime Gänge und andre Gefälligkeiten gelten dürften. Bei so vielen Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswürdigen Frau die kleine Torheit (ist es überhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt werden, dass ihr eifrigstes Streben, all ihr Tichten und Trachten dahin geht, stets nach der letzten Mode gekleidet zu gehen, dass ihr das Eleganteste, das Teuerste nicht elegant, nicht teuer genug ist, dass sie, hat sie ein Kleid dreimal, einen Hut viermal getragen, den türkschen Shawl einen monat hindurch umgehängt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die kostbarste Garderobe wegwirft um einen Spottpreis oder, wie gesagt, die Mägde sich darin putzen lässt. Dass die Frau eines Professors der Ästetik Sinn hat für schöne äussere Gestaltung, ist wohl gar nicht zu verwundern, und nur erfreulich kann es dem Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin offenbart, dass die Gemahlin mit sichtlichem Wohlgefallen den blick der feuerblitzenden Augen auf schönen Jünglingen ruhen lässt, diesen auch wohl zuweilen etwas nachläuft. Manchmal bemerkte ich, dass dieser, jener artige junge Mann, der die Vorlesungen des Professors besuchte, die tür des Auditoriums verfehlte und