Muzius, der ein einfacher, schlichter, gerader Kater und, ich hatte es ja wohl recht erfahren, eine treue gutmütige Seele gewesen. Überdem war auch das Lob, das Hinzmann gespendet, von zweideutiger Art, so dass mir eigentlich die Rede hinterher missfiel und ich während des Vortrags bloss durch die Anmut des Redners und durch seine in der Tat ausdrucksvolle Deklamation bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu sein; wir wechselten Blicke, die, Hinzmanns Rede betreffend, von unserm Einverständnis zeugten.
Dem Schluss der Rede gemäss stimmten wir ein "De profundis" an, das womöglich noch viel jämmerlicher, viel herzzerschneidender klang als das entsetzliche Grabeslied vor der Rede. – Es ist bekannt, dass die Sänger von unserm Geschlecht den Ausdruck des tiefsten Wehs, des trostlosesten Jammers, mag nun die Klage wegen zu sehnsüchtiger oder verschmähter Liebe oder um einen geliebten Verstorbenen ertönen, ganz vorzüglich in der Gewalt haben, so dass selbst der kalte gefühllose Mensch von Gesängen solcher Art tief durchdrungen wird und der gepressten Brust nur Luft zu machen vermag durch seltsames Fluchen. – Als das "De profundis" geendigt, hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten sie in ein tiefes, in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.
In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich anmutig Rührendste der ganzen Totenfeier. drei Katzenmädchen, schön wie der Tag, hüpften heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das sie im Keller gepflückt, in das offne Grab, während eine ältere ein einfaches herziges Lied dazu sang. Die Melodie war mir bekannt, irre ich nicht, so fängt der Originaltext des Liedes, dem die stimme untergeschoben, mit den Worten an: "O Tannenbaum! o Tannenbaum!" u.s.w. Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Töchter des verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit begingen.
Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sängerin; sie war allerliebst, der Ton ihrer süssen stimme, selbst das Rührende, tief Empfundene in der Melodie des Trauerliedes riss mich hin ganz und gar; ich konnte mich der Tränen nicht entalten. Doch der Schmerz, der mir sie auspresste, war von ganz besonderer seltsamer Art, da er mir das süsseste Wohlbehagen erregte.
Dass ich es nur geradezu heraussage! – Mein ganzes Herz neigte sich der Sängerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzenjungfrau erblickt von dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und blick, von dieser siegenden Schönheit. –
Das Grab wurde mit Mühe von vier rüstigen Katern, die so viel Sand und Erde herankratzten, als nur möglich, gefüllt, die Beerdigung war vorbei, und wir gingen zu Tische. Muzius' schöne liebliche Töchter wollten sich entfernen, das litten wir jedoch nicht, sie mussten vielmehr teilnehmen am Trauermahl, und ich wusste es so geschickt anzufangen, dass ich die Schönste zur Tafel führte und mich dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir erst ihre Schönheit geglänzt, hatte mich ihre süsse stimme bezaubert, so versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand, die Innigkeit, die Zarteit ihres Gefühls, das rein weibliche fromme Wesen, das aus ihrem inneren hervorstrahlte, in den höchsten Himmel des Entzückens. Alles erhielt in ihrem mund, in ihren süssen Worten einen ganz eigenen Zauberreiz, ihr Gespräch war ganz liebliche zarte Idylle. – So sprach sie z.B. mit Wärme von einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des Vaters tod nicht ohne Appetit genossen, und als ich sagte, dass bei meinem Meister solch ein Brei ganz vorzüglich bereitet würde und zwar mit einer guten Zutat von Butter, da blickte sie mich an mit ihren frommen, grünstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem Ton, der mein ganzes Herz durchbebte: "O gewiss – gewiss, mein Herr? – Sie lieben auch den Milchbrei? – Mit Butter!" wiederholte sie dann, wie in schwärmerische Träume versinkend. – Wer weiss nicht, dass hübschen blühenden Mädchen von sechs bis acht Monaten (so viele konnte die Schönste zählen) nichts besser kleidet als ein kleiner Anstrich von Schwärmerei, ja dass sie dann oft ganz unwiderstehlich sind. So geschah es, dass ich, ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schönsten heftig drückend, laut rief: "Englisches Kind! frühstücke mit mir Milchbrei, und es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Glück austausche!" – Sie schien verlegen, sie schlug errötend die Augen nieder, doch liess sie ihre Pfote in der meinigen, welches die schönsten Hoffnungen in mir erregte. Ich hatte nämlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn, der, irre ich nicht, ein Advokat war, sagen gehört, es sei für ein junges Mädchen sehr gefährlich, ihre Hand lange in der Hand eines Mannes zu lassen, weil dieser es mit Recht für eine traditio brevi manu ihrer ganzen person ansehen und allerlei Ansprüche darauf begründen könne, die dann nur mit Mühe zurückzuweisen. – Zu solchen Ansprüchen hatte ich nun aber grosse Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gespräch durch eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. – Die drei jüngeren Töchter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen eine frohe Laune, eine schalkhafte Naivität entwickelt, über die alle Kater entzückt waren. Schon durch Speise und Trank merklich dem Gram und Schmerz entnommen, wurde nun die Gesellschaft immer froher und lebendiger. Man lachte, man scherzte, und als