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fest, beide hände erfassend. laut schrie sie auf vor jähem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau und allen Heiligen, ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres Anblicks, ihres Worts zu gönnen. Mit Ausdrücken, wie sie nur die Raserei der heftigsten leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, dass er nur sie, nur sie anbete, dass der Gedanke der Vermählung mit Hedwiga ihm schrecklich, todbringend sei. Dass er deshalb fliehen wollen, doch bald, von der Macht einer leidenschaft, die erst mit seinem tod enden könne, getrieben, zurückgekehrt sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr zu sagen, dass nur sie allein sein Leben, sein alles sei! –

"Fort," rief Julia in trostloser Herzensangst, "fortSie töten mich, Prinz!"

"Nimmermehr," schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julias hände an die Lippen drückte, "nimmermehr, der Moment ist da, der Leben über mich bringt oder Tod! – Julia! Kind des himmels! Kannst du mich, kannst du den verwerfen, dessen ganzes Sein, dessen Seligkeit du bist? – Nein, du liebst mich, Julia, ich weiss es, so sprich es aus, dass du mich liebst, und alle Himmel überschwenglichen Entzükkens sind mir geöffnet!"

Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmächtige Julia und drückte sie heftig an seine Brust.

"Weh mir," rief sie mit halberstickter stimme, "weh mirerbarmt sich niemand meiner?"

Da erhellte Fackelglanz die Fenster, und mehrere Stimmen liessen sich vor der tür hören. Julia fühlte einen glühenden Kuss auf den Lippen brennen, und schnell war der Prinz entflohen.

Alsoganz ausser sich, stürzte, wie gesagt, Julia der eintretenden Mutter entgegen, und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie begann damit, die arme Julia zu trösten, wie sie nur vermochte, ihr zu versichern, dass sie den Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem er sich befinden müsse, hervorziehen werde.

"O," sprach Julia, "o, tue das nicht Mutter, ich muss vergehen, wenn der Fürst, wenn Hedwiga erfährt –" Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust, ihr Antlitz verbergend.

"Du hast recht," erwiderte die Rätin, "du hast recht, mein liebes gutes Kind, niemand darf zurzeit wissen, ahnen, dass der Prinz sich hier befindet, dass er dir nachstellt, du liebe fromme Julia! – Die im Komplott sind, müssen schweigen. Denn dass es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen, hat nicht den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier in Sieghartshof sich hätte aufhalten, als in unsre wohnung schleichen können. – Unbegreiflich ist es mir, wie es dem Prinzen möglich wurde, aus dem haus zu entfliehen, ohne mir und Friedrich, der mir vorleuchtete, zu begegnen! Den alten Georg fanden wir im tiefen unnatürlichen Schlaf, aber wo ist Nanny?" – "Weh mir," lispelte Julia, "weh mir, dass sie krank war und ich sie fortschicken musste."

"Vielleicht," sprach die Benzon, "vielleicht kann ich ihr Arzt sein", und stiess rasch die tür des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny völlig angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht nieder, der Benzon zu Füssen.

Wenige fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, dass der Prinz durch den alten, für so treu gehaltenen Kastellan

(M. f. f.) – musst' ich erfahren! – Muzius, mein treuer Freund, mein herziger Bruder war an den Folgen der bösen Verwundung am Hinterbeine Todes verblichen. – Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fühlte ich, was mir Muzius gewesen! – In künftiger Nacht sollte, wie mir Puff sagte, in dem Keller desselben Hauses, wo der Meister wohnte, und wo man die Leiche hingeschafft, die Totenfeier gehalten werden. Ich versprach, mich nicht allein zu gehöriger Zeit einzufinden, sondern auch für Speise und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch das Trauermahl gehalten werden könne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich den Tag über nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen, Hühnerknochen und Gemüse hinabtrug. – Für Leser, die alles gern auf das genaueste erklärt haben und daher auch wohl wissen möchten, wie ich es angefangen, das Getränk hinab zu transportieren, bemerke ich, dass ohne weiteres Mühen mir eine freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd, welche ich gar oft im Keller zu treffen und auch wohl in ihrer Küche zu besuchen pflegte, schien meinem Geschlecht und insonderheit mir ganz vorzüglich gewogen, so dass wir uns nie sahen, ohne auf anmutige Weise miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen Bissen, der eigentlich schlechter war, als wie ich ihn von meinem Meister empfing, den ich aber doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz vorzüglich schmeckte, aus purer Galanterie. So was rührt wohl das Herz einer Hausmagd, und sie tat, worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr nämlich auf den Schoss, und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, dass ich ganz Wonne und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewöhnte, die