ja, er wird vor unsern Augen unsichtbar wie ein Gespenst oder wie der Gottseibeiuns selbst."
Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und fühlte sich von unheimlichen Schauern durchbebt. "Fort, ach nur schnell fort," rief sie dem Jäger zu, der meinte aber lachend, das liebe fräulein möge sich nur nicht fürchten, denn ehe ihr etwas geschehe, müsse ihm erst das Gespenst den Hals umdrehen, überdem habe aber wohl das unbekannte Ding, was sich in der Gegend des Schlosses blicken lasse, Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein furchtsamer lichtscheuer Hase.
Julia schickte ihr Mädchen, das über Kopfschmerz und Fieberfrost klagte, zu Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.
Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer Seele auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur krankhafter Überspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewiss, dass eben jene krankhafte Überspannung nur eine psychische Ursache haben konnte. – Mädchen von solch unbefangenem reinem Gemüt, wie Julia, erraten in derlei intrikaten Fällen wohl selten das Richtige. So glaubte auch Julia, als sie sich alles nochmals in den Sinn gerufen, nichts anderes, als dass Hedwiga von jener entsetzlichen leidenschaft ergriffen, die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in ihrer eignen Seele lag, geschildert, und dass Prinz Hektor der Mann sei, dem sie ihr eigenes Selbst geopfert. – Nun, schloss sie ferner, sei, der Himmel wisse wie, der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, dass der Prinz in anderer Liebe befangen, und habe sie gequält wie ein fürchterliches, rastlos sie verfolgendes Gespenst, so dass daraus sich die heillose Zerrüttung im inneren erzeugt. "Ach," sprach Julia zu sich selbst, "ach, du gute liebe Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zurück, wie bald würdest du dich überzeugen, dass du von deiner Freundin nichts zu befürchten!" – Doch in dem Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der Gedanke, dass der Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, dass sie vor seiner Macht und Lebendigkeit erschrak, dass sie sich von unnennbarer Angst erfasst fühlte, es könne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben gewiss sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen blick, sein ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes Entsetzen durchbebte aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Moments auf der brücke, als der Prinz, sie umschlingend, den Schwan fütterte, all der verfänglichen Worte, die er damals sprach, und die, so harmlos ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt von tieferer Bedeutung schienen. Aber auch des verhängnisvollen Traums gedachte sie, als sie sich von eisernen Armen fest umschlungen gefühlt und es der Prinz gewesen, der sie festgehalten, als sie dann erwacht, den Kapellmeister im Garten erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt, dass er sie schützen werde vor dem Prinzen.
"Nein," rief Julia laut, "nein, es ist nicht so, es kann dem nicht so sein, es ist nicht möglich! Es ist der böse Geist der Hölle selbst, der diese sündhaften Zweifel in mir Ärmsten aufregt! – Nein, er soll nicht Macht haben über mich!" –
Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte sich in Julias tiefer Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur daran zu erkennen, dass sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr in die Wangen, heisse Tränen ihr in die Augen trieb. Wohl der holden frommen Julia, dass sie Kraft genug besass, den bösen Geist zu beschwören, ihm keinen Raum zu verstatten, in dem er fest fussen können. Es ist hier noch wiederholt zu bemerken, dass Prinz Hektor der schönste liebenswürdigste Mann war, den man nur sehen konnte, dass seine Kunst zu gefallen auf die tiefe Weiberkenntnis gegründet war, die ihm das Leben voll glücklicher Abenteuer erworben, und dass eben ein junges unbefangenes Mädchen wohl erschrecken machte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines ganzen Wesens.
"O Johannes," sprach sie sanft, "du guter herrlicher Mann, kann ich denn nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? Kannst du nicht selbst zu mir tröstend reden mit den Himmelstönen, die recht widerhallen in meiner Brust?" –
Damit öffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen Kreislers, die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der Tat fühlte sie sich bald getröstet, erheitert, der Gesang trug sie fort in eine andere, es gab keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren krankhafte Phantome sie verstören durften!
"– Nun noch meine liebste Kanzonetta! –" So sprach Julia und begann das von so vielen Komponisten gesetzte: "Mi lagnero tacendo etc." In der Tat war Kreislern dieses Lied vor allen übrigen gelungen. Der süsse Schmerz der brünstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie mit einer Wahrheit, mit einer Stärke ausgedrückt, die jedes fühlende Gemüt unwiderstehlich ergreifen musste. Julia hatte geendet, in das Andenken an Kreisler ganz und gar versunken, schlug sie noch einzelne Akkorde an, die ein Echo schienen ihrer inneren Gefühle. Da ging die tür auf, sie schaute hin, und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte, lag Prinz Hektor ihr zu Füssen und hielt sie