sein, ob die vielleicht nur inspirierte, mit höhren wunderbaren Kräften begabte Frau diesen Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem Meister das geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele, ja, die ganz ein teil seines Ichs war."
"Benzon," rief der Fürst ganz erschrocken, "Benzon, ich verstehe Sie heute nicht! – Mir schwindelt's im kopf! Waren Sie selbst nicht dafür, dass das bedrohliche geschöpf, vermöge dessen der Meister bald alle unsere Verhältnisse beherrschen konnte, entfernt werden möchte? Billigten Sie nicht selbst mein Schreiben an den Grossherzog, in dem ich vorstellte, dass, da jede Zauberei im land längst verboten, Personen, die in dieser Art beeigenschaftet, ihr Wesen trieben, nicht geduldet werden dürften und sicherheitshalber ein wenig eingesperrt werden müssten? Geschah es nicht aus purer Schonung gegen den Meister Abraham, dass der mysteriösen Chiara nicht der offne Prozess gemacht, sondern dass sie in aller Stille aufgegriffen und fortgeschafft wurde, wohin weiss ich nicht einmal, da ich mich darum nicht weiter bekümmert? – Welch ein Vorwurf kann mich hier treffen?"
"Verzeihung," erwiderte die Benzon, "Verzeihung, gnädigster Herr, aber es ist doch in der Tat der Vorwurf des wenigstens übereilten Verfahrens, der Sie wohl mit Recht trifft. – Aber! – erfahren Sie es, gnädigster Herr! Meister Abraham ist davon unterrichtet, dass seine Chiara weggeschafft wurde auf Ihren Anlass. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht, Gnädigster Herr, dass Hass und Rache brütet in seinem inneren gegen den, der ihm sein Liebstes raubte auf Erden? Und diesem Mann wollen Sie vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres erschliessen?" – "Benzon," sprach der Fürst, indem er sich die Schweisstropfen von der Stirne wegtrocknete, "Benzon! Sie alterieren mich sehr – ganz unbeschreiblich, möchte' ich sagen! – Barmherziger! kann ein Fürst so aus der Kontenance gebracht werden? Muss, beim Teufel – Gott, ich glaube gar, ich fluche wie ein Dragoner hier beim Tee! – Benzon! warum sprachen Sie nicht früher! – Er weiss schon alles! – Im Fischerhäuschen, gerade als ich ganz ausser mir war über der Prinzessin Zustand, da floss mir das Herz, der Mund über. – Ich sprach von Angela, entdeckte ihm – Benzon, schrecklich ist es! – j'étois un – Esel! – Voilà tout!"
"Und er erwiderte?" So fragte die Benzon gespannt.
"Beinahe," sprach der Fürst weiter, "beinahe ist es mir so, als habe der Meister Abraham zuerst angefangen, von unserem früheren Attachement zu sprechen, und wie ich ein glücklicher Vater sein können, statt dass ich nun ein malheureuser sei. – So viel ist aber richtig, dass, als ich meine beichte geendet, er lächelnd erklärte, wie er schon längst alles wisse und hoffe, dass sich vielleicht in ganzer kurzer Zeit aufklären werde, wo Angela geblieben. – Mancher Trug würde dann vernichtet werden, manche Täuschung zerrinnen."
"Das," sprach die Benzon mit bebenden Lippen, "das sagte der Meister?"
"Sur mon honneur," erwiderte der Fürst, "das sprach er. – Tausend sapperment – pardonnieren Sie, Benzon, aber ich bin im Zorn – wenn der Alte es mir nachtragen sollte? – Benzon, que faire?"
Beide, der Fürst und die Benzon, starrten sich sprachlos an. "Durchlauchtigster Herr," lispelte leise ein Kammerlakei, indem er dem Fürsten Tee präsentierte. "Bête!" schrie aber der Fürst, im hastigen Aufspringen dem Lakei Präsentierteller samt der Tasse aus den Händen schleudernd; alles fuhr entsetzt von den Spieltischen in die Höhe, das Spiel war geendet, der Fürst, sich mit Macht bezwingend, lächelte ein freundliches "Adieu" den Erschrockenen zu und begab sich mit der Fürstin in die inneren Gemächer. Auf jedem Gesicht las man aber ganz deutlich: "Gott, was ist das, was bedeutet das? – Der Fürst spielte nicht, sprach so lange, so ungelegentlich mit der Rätin und geriet dann in solch entsetzlichen Zorn!" –
Unmöglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer wohnung, die in einem Seitengebäude dicht neben dem schloss belegen, für ein Auftritt erwartete. – Kaum eingetreten, stürzte ihr nämlich ganz ausser sich Julia entgegen und – Doch! gegenwärtiger Biograph ist sehr zufrieden, dass er diesmal das, was sich mit Julia während des fürstlichen Tees begeben, viel besser und deutlicher zu erzählen vermag als manches andere Faktum der bis jetzt wenigstens etwas verworrenen geschichte! – Also! – Wir wissen, dass Julien erlaubt wurde, früher nach haus zurückzukehren. Ein Leibjäger leuchtete ihr mit einer Fackel vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem schloss entfernt, als der Leibjäger plötzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. "Was gibt es?" fragte Julia. "Ei," erwiderte der Leibjäger, "ei, fräulein Julia, haben Sie wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell fortuschte? Ich weiss gar nicht, was ich davon denken soll, seit mehreren Abend schleicht hier ein Mensch umher, der bei seiner Heimlichkeit was Böses im Schilde führen muss. Wir haben ihm schon nachgestellt auf alle nur mögliche Weise, aber er entwischt uns unter den Händen,