aus der tür des geöffneten Pavillons kommen musste. Immer mehr näherte sich der Schein, bis endlich aus dem Gebüsch ein Benediktinermönch hinaustrat, der in der linken Hand eine Fackel, in der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Männer, eine mit schwarzen Tüchern behängte Bahre auf den Schultern. Nur einige Schritte waren sie gezogen, als ihnen eine in einen weiten Mantel eingehüllte Gestalt entgegentrat. Sie standen still, setzten die Bahre nieder, die Gestalt zog die Tücher weg, und ein Leichnam wurde sichtbar. Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch, dass die Männer die Bahre aufhoben und dem Mönch schnell nacheilten auf dem breiten Seitenwege, der bald zum Park hinausführt auf die Strasse nach der Abtei Kanzheim. Seit dieser Zeit lässt sich jene Gestalt am Fenster sehen, und vielleicht ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich ängstigt."
Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzählte, für einen Traum oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, für das täuschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte der Tote sein, den man unter solchen geheimnisvollen Umständen aus dem Pavillon forttrug, da niemand vermisst worden, und wer mochte daran glauben, dass dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung, aus der man ihn fortgebracht? Julia äusserte dieses alles der Prinzessin und fügte noch hinzu, dass jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers, Meister Abraham, sein könne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen gegeben habe.
"Wie," sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen, sanft lächelnd, "wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist, geschieht das Wunderbare, Übernatürliche! – Was den Toten betrifft, so vergissest du das, was sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verliess." – "Um Gott," rief Julia, "sollte denn wirklich eine grässliche Tat begangen sein? – Wer? – von wem?"
"Du weisst," fuhr Hedwiga fort, "du weisst ja, Mädchen, dass Kreisler lebt. – Aber auch er lebt, der in Liebe ist zu dir – Sieh mich nicht so erschrocken an! – Solltest du das nicht längst ahnen, was ich dir sagen muss, damit dir es klar werde, was, länger verborgen, dich verderben könnte? – Prinz Hektor liebt dich, dich, Julia, mit all der wilden leidenschaft, die seiner Nation eigen. Ich war, ich bin seine Braut, du aber, Julia, bist seine Geliebte." Die letzten Worte betonte die Prinzessin auf eine eigne scharfe Weise, ohne übrigens jenen besonderen Akzent hineinzulegen, der dem Gefühl innerer Kränkung eigen.
"O ewige Macht," rief Julia heftig, indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten, "Hedwiga, willst du denn meine Brust zerreissen? – Welcher finstre Geist spricht aus dir! – Nein, nein, gern will ich es leiden, dass du aller bösen Träume halber, die dich verstörten, an mir Ärmsten Rache nimmst, aber nie werde ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen Phantome glauben! – Hedwiga! – besinne dich doch nur, du bist ja nicht mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns erschien wie das Verderben selbst! Nie kehrt er zurück, niemals wirst du sein!"
"Doch," erwiderte die Prinzessin, "doch! – Fasse dich nur Mädchen! – Nur dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, löst sich vielleicht das ungeheure Missverständnis des Lebens, das mich elend macht! – Dich rettet des himmels wunderbare Fügung. – Wir trennen uns, ich folge dem Gemahl, du bleibst!" – Die Prinzessin verstummte vor innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes mächtig, beide fielen sich schweigend, in Tränen zerfliessend, an die Brust!
Man meldete, dass der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr besonnenes ruhiges Gemüt zuzulassen schien. Es war ihr unmöglich, in der Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach haus zu gehen, da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.
fräulein Nannette versicherte auf Befragen der Fürstin, dass die Prinzessin den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen mit Julien durchaus allein sein wollen. Soviel sie im Nebenzimmer beobachten können, hätten beide, die Prinzessin und Julia, sich allerlei Geschichten erzählt, auch Komödie gespielt und bald gelacht, bald geweint.
"Die lieben Mädchen," sprach der Hofmarschall leise. "Die aimable Prinzessin, das liebe Mädchen!" verbesserte der Fürst, indem er den Hofmarschall mit grossen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Bestürzung über den entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stücklein Zwieback, das er sattsam in Tee getränkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm aber in der Kehle stecken, und er brach aus in ein fürchterliches Husten, so dass er schnell den Saal verlassen musste und nur dadurch gerettet werden konnte vom schnöden Erstickungstode, dass der Hoffourier im Vorsaal mit geübter Faust ein wohlgesetztes Paukensolo ausführte auf seinem rücken.
Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, fürchtete indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher nicht zurückzukehren in den Saal, sondern liess sich bei dem Fürsten mit plötzlich ihm angewandelter Krankheit