der Seligkeit gewähren? – Mich schwindelt's vor dieser Höhe, denn dem blick herab gähnt der bodenlose Abgrund mit allen Schrecknissen des rettungslosen Verderbens entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso entsetzlich ist als sündhaft, hat dies Gemüt nicht erfasst, und fest will ich halten an dem Glauben, dass es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl mag es sich begeben, dass ein Mann vor allen übrigen in uns die höchste achtung, ja, bei der männlich eminenten Kraft seines Geistes wahre Bewunderung erregt. Doch noch mehr als das, wir fühlen uns in seiner Nähe von einem gewissen gemütlichen Wohlbehagen geheimnisvoll durchströmt, erhoben über uns selbst, es scheint, als wenn unser Geist dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben dann erst recht leuchte, und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn er geht. – Nennst du dieses Liebe? – Nun, warum sollte ich es dir nicht gestehen, dass unser verlorne Kreisler mir dies Gefühl erweckt hat, und dass ich ihn schmerzlich vermisse."
"Julia," rief die Prinzessin, plötzlich auffahrend und Julien mit glühendem blick durchbohrend, "Julia, kannst du ihn dir denken in den Armen einer andern, ohne zu vergehn in namenloser Qual?"
Hoch errötete Julia, und mit einem Ton, der erkennen liess, wie sehr sie sich verletzt fühlte, erwiderte sie: "Nie habe ich ihn mir gedacht in meinen Armen!" –
"Ha! – du liebst ihn nicht – du liebst ihn nicht!" – so schrie die Prinzessin gellend auf und sank dann wieder zurück in dem Sofa!
"O," sprach Julie, "o, dass er wiederkehrte! – Rein und schuldlos ist das Gefühl, das ich für den teuern Mann hege in dieser Brust, und sehe ich ihn niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergesslichen, in mein Leben hineinleuchten wie ein schöner heller Stern. – Doch gewiss, er kehrt zurück! – Denn wie kann –"
"Niemals," unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem schneidendem Ton, "niemals kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich in der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden des heiligen Benedikt treten."
Julien kamen die hellen Tränen in die Augen, sie stand schweigend auf und begab sich an das Fenster.
"Deine Mutter," fuhr die Prinzessin fort, "deine Mutter hat recht, ganz recht. Wohl uns, dass er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein böser Geist eindrängte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen inneren zu zerreissen wusste. – Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns umstrickte. – Nie mag ich ihn wiedersehen." –
Dolchstiche waren für Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach Hut und Shawl.
"Du willst," rief die Prinzessin, "du willst mich verlassen, meine süsse Freundin? – bleibe – bleibe – tröste mich, wenn du kannst! – Unheimliches Grauen geht durch diese Säle, durch den Park! denn wisse –" Damit führte Hedwiga Julien an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der Adjutant des Prinzen Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer stimme: "Schau' dort hin, Julia, jene Mauern verbergen ein bedrohliches Geheimnis; der Kastellan, die Gärtner beteuern, dass seit der Abreise des Prinzen niemand dort wohne, dass die tür fest verschlossen, und doch – O schau' nur hin – Schau' nur hin! – siehst du es nicht, am Fenster?"
In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des Pavillons angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben Augenblick wieder schnell verschwand.
Hier dürfe, meinte Julia, indem sie fühlte, wie Hedwigas Hand krampfhaft in der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis oder gar von etwas Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu leicht möglich, dass irgend jemand von der Dienerschaft den leeren Pavillon unbefugterweise benutze. Der Pavillon könne ja augenblicklich durchsucht und so auf der Stelle aufgeklärt werden, was es mit der Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, für eine Bewandtnis habe; die Prinzessin versicherte aber dagegen, dass der alte treue Kastellan dies längst auf ihren Wunsch getan und beteuert, dass er in dem ganzen Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.
"Lass es," sprach die Prinzessin, "lass es dir erzählen, was sich vor drei Nächten begab! – Du weisst, dass mich oft der Schlaf flieht, und dass ich dann aufzustehen und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich eine Müdigkeit überfällt, der ich mich überlasse und es wirklich zum Einschlafen bringe. So geschah es, dass mich vor drei Nächten Schlaflosigkeit in dies Zimmer trieb. Plötzlich zitterte der Widerschein eines Lichts an der Wand vorüber, ich schaute durch das Fenster und gewahrte vier Männer, von denen einer eine Blendlaterne trug, und die in der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne dass ich bemerken konnte, ob sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange dauerte es aber, so wurde eben jenes Fenster hell, und Schatten huschten inwendig hin und her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebüsch strahlte nun bald ein blendender Schimmer, der